36
lich werden. Dabei will ich noch ganz von der schamlosen Lüsternheit absehen, welche sich in so vielen Schöpfungen der neueren Kunst findet, von denen alle Museen voll sind. wo die Nacktheit, nicht wie bei den Griechen natürlich und selbstverständlich oder sonst irgend wie begründet ist, sondern im Gegenteil es klar ist, dass das Werk bloss geschaffer ist, um die Nacktheit zur Darstellung zu bringen.—
Ebenso wie in dieser Hinsicht die Kunst der Sittlichkeit leicht gefährlich werden kann, wird man zugeben, birgt sie auch in vielen anderen Beziehungen eine grosse Ge- fahr in sich. Ich will versuchen dies zunächst an einem der gefeiertsten Werke unserer neueren dramatischen Kunst, an Schillers Tell, klar zu machen.
Ich bin weit entfernt, leugnen zu wollen, dass in diesem Stücke Schillers, wie in allen seinen anderen Werken eine Fülle der schönsten und herrlichsten Gedanken enthalten ist, aber deshalb hat Schiller dies Schauspiel nicht geschrieben. Diese seine herrlichen Gedanken konnte er uns auch auf andere Art schenken. Nein, seinen Tell hat Schiller geschrieben, um seine Idee der Freiheit, welche er sich zu Anfang dieses Jahrhunderts gebildet hatte, dramatisch auszuführen, und ich behaupte, dass diese Freiheitsidee, selbst in der bestechenden Form, in welche unser Schiller sie gekleidet hat, unserem Volke sehr gefährlich werden kann. Von dem Gefährlichen und Fehlerhaften in dieser Idee hat Schiller selbst ein klares Bewusstsein gehabt. Wozu hätte er auch sonst die frostige und undra- matische Figur des Johann Parricida in sein Schauspiel eingeflochten? Er wollte eben zeigen, dass zwischen Mörder und Mörder ein Unterschied ist. Das mag sein. Aber trotzdem bleibt Tell ein Mörder, der sich gegen die Obrigkeit auflehnt und durch höchst verdammliche Selbsthilfe sich von dem Druck, der auf ihm und seinem Volke lastete, be- freit. Einen solchen Menschen sollte man nicht zum Helden eines Schauspiels machen. Was soll unser Volk von ihm lernen? Ein Volk bleibt, wie Alba zu Egmont sagt, im- mer kindisch. Man kann von dem Volke nicht die sittliche Reife verlangen, dass es ein derartiges Stück sieht und nicht nach seiner Weise sich das Vorgestellte zurechtlegt und zu dem Glauben kommt, es könne bei entsprechender Gelegenheit ebenso handeln. Aus diesem Grunde werden wir es auch für sehr gerechtfertigt halten, dass die Aufführung des Tell lange Zeit auf unseren deutschen Bühnen verboten war.
Wie also unseres grossen Schiller Meisterwerk leicht schädlich auf das Volk wirken kann, so ist es ein leichtes, eine ähnliche Gefahr bei anderen Werken unserer gefeiertsten Dichter nachzuweisen. So weit es der Raum gestattet, will ich noch einiges hierüber andeuten.
Ich bestreite gar nicht die Richtigkeit der Aristotelischen Anforderungen an die Tragödie, wie sie Lessing in seiner Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt hat. Ich bin überzeugt, dass Lessing den Stagiriten fast durchweg richtig verstanden hat. Wenn es die Aufgabe des Trauerspiels ist, durch Mitleid und Furcht in uns die Katharsis, d. h. die Läuterung unseres Mitleids und unserer Furcht zu erregen, so ist es gewiss gleichgültig, ob sich der Dichter bei Abfassung seines Werkes an die geschichtliche Wahrheit hält oder nicht. Dann kommt es auf ganz andere Dinge an. Aber eine andere Frage ist es doch, ob die Kunst schliesslich durch ein derartiges Werk, wie ein Trauerspiel ist, sittlich oder unsittlich auf den Beschauer wirkt. So scharfsinnig und geistreich alle die Gedanken sind, mit denen Lessing für diese Aristotelischen Forderungen eintritt, so muss ich doch bekennen, dass mir die Ansicht, der Dichter habe sich nur um Beibehaltung der Charak- tere, nicht aber sonst um die geschichtliche Wahrheit zu kümmern, nie gefallen hat.


