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keusche Sittlichkeit in sich birgt. Dieses Hinarbeiten bloss auf den üsthetischen Genuss muss die Kunst zu Fall bringen. Das Gesetz der Sittlichkeit muss ihr heilig sein, wie es jedem Menschen heilig sein muss. Dabei soll allerdings nicht von der Kunst verlangt werden, dass sie den ausschliesslichen Zweck verfolge, Moral zu lehren oder irgend wie direkt auf den sittlichen Willen einzuwirken. Das kann und soll sie nicht. So oft sie so etwas unternimmt, übersteigt sie die Grenzen des ihr zukommenden Gebiets.
Dass nun die Kunst auf Geist und Gemüt des Volkes eine veredelnde Wirkung übe, hat die Geschichte nicht gelehrt, auch wird dies von unserer neueren Kunst niemand, der vorurteilslos genug ist, behaupten. Wie kann sie das auch heute? Unsere Musik z. B. ist nicht mehr einfach und ernst, wie sie es beispielsweise zu Luthers Zeiten war, sondern weichlich und verwickelt. Sie soll unterhalten und einen angenehmen Kitzel erregen. Darauf zielen auch alle unsere Opern mit sehr wenigen Ausnahmen. Nur der grossen Menge wollen unsere Künstler gefallen. Ihrem Geschmack wird geschmeichelt. Welche leichtfertigen Grundsätze hört ferner das Volk im Theater! Seine Phantasie soll gereizt werden. Daher überall das Grelle, das Absonderliche, das Schlüpfrige, zu viel Künstelei und Künstlichkeit und zu wenig Schönheit.
Dass ferner unsere Museen und Bildergalerien unserem Volke und seiner Sittlich- keit gefährlich sind, glaube ich aus folgendem erweisen zu können. Wie die Griechen uns in vielen Dingen Lehrmeister gewesen sind, so besonders auch in der Kunst. Bei den Griechen war aber der Boden für die Kunst günstiger, als bei allen andern Völkern. Die Griechen waren, besonders in der ersten Zeit, ein naives Naturvolk. Schon der Ein- fluss ihres Klimas und die dadurch hervorgerufene fröhliche Lebensauffassung, wie auch ihre politische Verfassung gewährte ihnen Vorteile, wie sie wohl kein anderes Volk jemals wieder gehabt hat. Die Kunst war bei den Griechen sowohl ihrem Ursprung nach, als auch noch später bis in die beste Zeit hinein, nicht Selbstzweck, wozu unsere Kunst- schwärmer sie machen wollen. Die Kunst stand im Dienste der Religion, also des Staates. Dies hat man zu wenig beachtet, wenn man es ihnen in der Kunst gleich thun wollte, und wenn man auch auf unserem Boden eine Pflanze hat ziehen wollen, welche auf dem der Griechen so schöne Blüten getrieben hat. Denn was sich für den einen schickt, das schickt sich bekanntlich noch lange nicht für den andern. Bei den Griechen war es z. B. nichts ungewöhnliches, nackte und halbnackte Gestalten zu sehen. In den Ringschulen, bei Festen und anderen Gelegenheiten sah man männliche und weibliche Körper unbe- kleidet, oder doch so leicht bekleidet, dass vieles, was bei uns sorgfältig verhüllt ist, den Blicken preisgegeben war. Was aber täglich frei und ungehindert gesehen wird, das ver- liert sehr bald für den Beschauer seinen Stachel und bringt sein Blut nicht in Wallung. Wenn also bei den Griechen die Kunst dem Beschauer nackte Gestalten vor Augen stellte— und sie that es, weil die Schönbeit des Körpers die Schönheit jeder Bekleidung übertrifft— so wird man zugeben, waren diese nicht geeignet, die Sinnlichkeit zu erregen. Ganz an- ders ist es bei uns. Wir ahmen die nackten Gestalten der Griechen nach, ohne zu be- achten, dass dieselben bei den Griechen etwas natürliches, täglich gesehenes, bei uns aber etwas unnatürliches, sorgfältig verstecktes sind. Die nackten Gestalten unserer Museen und unserer Bildergalerien werden demnach ganz anders die Phantasie entflammen und das Blut in Wallung versetzen, als die nackten Gestalten der Griechen. Und so, wird man zugeben, muss unsere neuere Kunst, von dieser Seite betrachtet, dem Volke gefähr-
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