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und Glanz der Kultur gehöre, ja, dass die Musen es sind, welche unseren Heeren in der Schlacht vorangehen und ihnen zum Siege verhelfen. Selbst die Parteien der Volksver- tretung lassen ab von ihrer Feindschaft, so oft die Kunst zur Verhandlung kommt, und jede glaubt ihre Liebe zum Vaterland durch Opferwilligkeit auf diesem neutralen Gebiet beweisen zu müssen. 8
Diese allgemeine Uberschäützung der Kunst muss aufhören. Die Kunst darf sich nicht so breit machen, wie es bei uns geschieht. Selbst die beste Kunst ist nur ein Ge- würz, ein Genussmittel, welches, wenn es zu viel, wie bei uns, genossen wird, schädlich ist. Die Kunst darf ungefähr nur die Ausdehnung haben, welche sie bei den Doriern— mutatis mutandis— gehabt hat. Diese eingeengte Stellung muss sie einnehmen, weil sie einerseits überhaupt nicht im Stande ist, Werke zu schaffen, welche der Vergötterung wert wären, und andrerseits, weil ihr schrankenloses Betreiben den Sitten des Volkes ge- führlich ist. Was den ersten Punkt anlangt, so habe ich schon bei Anführung der Ansichten Platos erwähnt, dass die Kunst überhaupt bloss Scheinbilder hervorzubringen im Stande ist. Wer dem grossen griechischen Philosophen hierin nicht Recht geben will, der wird doch wenigstens von dem ungesunden Gedanken ablassen müssen, welcher heute wieder überall die Herrschaft beansprucht, dass die Kunst die Natur übertrifft. Das thut sie nicht. ¹) Im Gegenteil, die Natur ist viel schöner als die Kunst. In ihr erschallt das Lied der Nachtigall und sollte uns mehr zu Herzen gehen, als alle Koloraturen und Triller der gefeiertsten Sängerinnen; in ihr bewundern wir die Blumen des Feldes, welche schöner gekleidet sind, als Salomo in aller seiner Herrlichkeit; in ihr schauen wir mit ahnungsvoller Andacht hinauf zum Sternenzelt, zu dem ewigen Dome, der sich majestä- tischer wölbt als der von St. Peter und alle Kirchen der Welt. Hier in diesen Gebilden des ewigen Werkmeisters muss unser Volk lernen, sich zu erbauen, nicht in den Schein- gebilden der Kunst.
Aber das Schöne der Natur empfindet unser Volk nicht. Nur die Werke der Kunst, und selbst der Afterkunst, werden mit dem Ach und Oh des schwärmerischen Ent- zückens bewundert und die Künstler als Wesen höherer Art ausserhalb der übrigen Menschenwelt gestellt, denen gegenüber der sonst giltige Massstab der Beurteilung nicht anwendbar sei, auch der moralische nicht, sondern der geniale Mensch, der Künstler, so heisst es, sei ihm entwachsen.²) Wohin es aber mit den Künstlern kommt, wenn sie sich von der Fessel der Sittlichkeit frei machen, haben wir in neuerer Zeit in erschreckender Weise kennen gelernt. Ich erinnere nur an den Prozess Gräf. Welchen Blick in die sittlichen Begriffe unserer Künstler eröffnete dieser Prozess und die an ihn geknüpften Urteile der Presse. Die Kunst ist dem Künstler und dem Publikum ein Feigenblatt für Unsittlichkeit und Laster.—
Und bei dieser Auffassung will die Kunst eine veredelnde Kulturmacht sein, bei dieser Auffassung verlangt sie vom Staate, er müsse, kraft seiner Pflicht die Volksbildung und Volksgesittung zu heben, sich die Pflege der Kunst angelegen sein lassen und ihr uneingeschränkte Freiheit einräumen. Der Freiheit, das mag sein, bedarf der Künstler, und nichts soll ihm heilig sein, als die Schönheit. Aber wehe der Schönheit, welche nicht
¹) Denn dass sie aus den verschiedensten Mustern das Schönste zusammenträgt, ist doch nur ein einseitiges, unwahres Übertreffen der Natur. 2) Vergl. Steinhausen a. a. O.


