Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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ihre Tragödien in didaktischer Absicht geschrieben; und jene sittliche Richtung forderte von der Kunst, selbst von der Musik, auch der Staat und die Gemeinde.

Zimmermann ¹) äussert sich hierüber so: Das Schöne und Gute ist im wah- ren Kunstwerk verschmolzen, aber den reinen Asthetiker, wie den reinen Künstler be- schäftigt nur das erste; u. S. 178: An den Künstler als Menschen ergeht die Forderung, nur das sittlich wertvolle in ästhetische Formen zu kleiden; er mag sich als Mensch, als Bürger, als Christ die enorme Verantwortung gegenwürtig halten, die er bei Darstellung zweideutigen Gehalts in einschmeichelndem Gewand auf sich lädt und die je vollkommener die Form, desto bedenklicher wird; als Künstler hat er kein anderes Gesetz, als das der Schönheit. Er steht im Dienst der Kunst. Die Kunst mag in den Dienst anderer Lebens- zwecke treten. Als Mensch ist er verantwortlich dafür, dass sie nur in diesen Dienst des Höchsten und Reinsten tritt, als Künstler nicht.

Schlusswort.

Ziehen wir nun das Ergebnis aus unseren Untersuchungen, so ist es folgendes:

Zu allen Zeiten hat es hochgebildete und urteilsfähige Männer gegeben, welche einerseits der Ansicht waren, dass die Kunst überhaupt nicht im Stande sei, etwas, was besonderer Bewunderung wert würe, hervorzubringen, und in denen andrerseits die Uber- zeugung wurzelte, dass für ein gesundes Völkerleben eine Auffassung sehr gefährlich ist, welche besonders auf die Entfaltung des üsthetischen Sinnes Bedacht nimmt.

Beide Urteile haben ihre Berechtigung und verdienen in unserer Zeit sorgfältig beachtet zu werden. Die Kunst geniesst bei uns eine Achtung, ja eine Vergötterung, die ihr nach meiner unmassgeblichen Ansicht nicht zukommt. Welcher Gebildete beschäftigt sich heute nicht mit der Kunst und wer glaubt nicht den Beweis seiner Bildung in seiner Begeisterung für die Kunst zeigen zu müssen? Selbst ganz arme Leute, welche nur mit Mühe nnd Not den harten Kampf ums Dasein führen, glauben ihren Kindern diesen un- erlässlichen Teil der heutigen Bildung nicht vorenthalten zu dürfen. Wenigstens ein Stückchen spielen oder eine Arie singen muss der Sohn, muss die Tochter lernen. Wie könnten sie auch sonst an dem Tagesgespräch in den Kreisen, in denen sie sich später bewegen sollen, teilnehmen? Denn in diesen Kreisen sind die Gespräche über die Kunst ebenso allgemein, wie die über das Wetter. Auch kann man bekanntlich in ihnenmit wenig Witz und viel Behagen selbstgefällig in idealer Höhe zu wandeln wähnen, ohne sonderliche Einsicht von der Sache zu haben, so dassäüsthetisch undTheetisch sich noch immer wie zu Heines Zeiten praktisch reimen. ²)

Unterstützt wird diese Vergötterung der Kunst durch die Presse und ganz beson- ders durch die Tagespresse. Diese letztere beschäftigt sich angelegentlichst mit der Kunst und spricht mit einem Ernst und einem Eifer von den Brettern, welche die Welt bedeuten, als ob diese die Welt selbst wären. Da wird das Volk dann urteilslos mit hochklingenden Phrasen gespeist und kühn versichert, dass das Gedeihen der Kunst vor allem zum Ruhme

¹) Xsthetik I S. 66. ²) Vergl. H. Steinhausen, die Kunst und die christliche Moral, Wittenberg bei Herrosé 1886, mit

dessen zutreffenden Worten ich mir hier und an einzelnen späteren Stellen zu reden erlaube. 5