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weiblicher Sentimentalität hingiebt, besonders in einem Teil seiner Lieder ohne Worte. Auch das Gefolge seiner Nachahmer gehört hierher. Mit diesen Werken hat er nicht wenig zur Verweichlichung und Verkleinerung der Gegenwart beigetragen, die ihm freilich mit gleicher Gesinnung entgegenkam und eben darin ihn mit Recht als den Ihrigen, als den Mann seiner Zeit erkannt und nach Verdienst auf den Schild gehoben hat.“
Zuletzt will ich einzelne Urteile von einem Manne anführen, welcher trotz seiner Verbissenheit, und trotzdem er mit seiner Zeit völlig zerfallen ist, doch über dieselbe manches recht zutreffende Wort gesprochen hat: ich meine Eugen Dühring. In der Kunst, sagt er, ¹) darf nicht die Romantik, sondern muss der Verstand vorherrschen. Oft aber setzt sich eine sogenannte Genialität über die natürlichen und gesunden Bedingungen der Kunst willkürlich hinweg. Selbst in den Wagnerschen Kunstwerken der Zukunft finden sich der romantischen Ungeheuerlichkeiten nicht wenig. Und an einer anderen Stelle: ²) Der ver- wöhnte Geschmack hascht nach keiner gesunden, natürlichen Speise, er will etwas abson- derliches, das seinen abgestumpften Gaumen kitzelt. So wird die Kunst immer mehr ins Schlüpfrige gedrängt und wenn ein Reizmittel nicht mehr den Hunger stillt, so wird ein stärkeres gegeben. Schliesslich kann auch das überzuckerte Gift nicht mehr die tötliche Langeweile beseitigen.
Doch sapienti sat! Ich könnte die Zahl derer, welche die Kunst abfällig beurteilen, noch bedeutend vermehren, doch ich befürchte, die Geduld meiner Leser schon zu sehr auf die Probe gestellt zu haben. Meine Absicht war nur auf die Schwierigkeit der Frage aufmerksam zu machen, ob die Kunst nur das Schöne oder auch das sittlich Gute als ihr höchstes Ziel zu erstreben hat. Schon über 2000 Jahre ist der Kampf um diese Frage mit grosser Leidenschaftlichkeit geführt worden. Beide Ansichten ringen mit abwechseln- dem Glück um die Herrschaft. Wie schon Plato und Aristoteles sich schroff in ihren Kunstanschauungen gegenüberstanden, so giebt es auch heute noch zwei sich schroff gegen- überstehende Richtungen, von denen die eine das stofflich-Schöne, die andere das Form- schöne als das wesentliche in der Kunst betrachtet. Die meisten unserer Geistesheroen, wie Lessing, Winkelmann, Goethe, Schiller u. a. sahen in Ubercinstimmung mit Aristoteles lediglich das Vergnügen, ³) welches uns aus der Schönheit erwächst, als Endzweck aller Kunst an. Aber eben dieselben grossen Männer haben doch Zeiten gehabt, wo sie das Gefährliche dieser Anschauung anerkannt haben. Sie haben nicht selten, und zwar gerade an solchen Stellen, wo sie über die sonst von ihnen unbewusst geübte Kunst nachzudenken Veranlassung hatten, ganz andere Ansichten ausgesprochen. Und in ähnlicher Weise haben viele Kritiker und Asthetiker, wie Sulzer, durchaus verlangt, dass die Werke der Kunst nicht bloss unsere Phantasie, sondern auch unser sittliches Gefühl befriedigen sollen. Leib- nitz, M. Mendelssocohn und Herder dachten ühnlich. Ja einer der grössten Kenner des Altertums, A. Böckh ¹) behaupteto sogar: Kein alter Tragiker hatte die Überzeugung, dass die Dichtung nicht mit der Sittlichkeit in Berührung sei; sie haben alle eine sittliche Richtung in ihren Werken verfolgt, obgleich man deshalb nicht behaupten kann, sie hätten
¹) Wert des Lebens S. 19.
2) Sache, Leben und Feinde S. 14 u. 150. 6 ³) So urteilte auch die Baumgartensche Xsthetik. 4) Sophokles, Antigone S. 261.


