Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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will. Er giebt z. B. zu, dass der Geizige des Molière nie einen Geizigen, der Spieler des Regnard nie einen Spieler gebessert habe. ¹1) Von den Komödien des Aristophanes, Plautus und des Terenz sagt er,(er citiert dort eine Abhandlung Gellerts) dass sie den guten Sitten sehr unzuträglich gewesen sind. ²) Er erkennt, wie Winkelmann, in der Kunst durchaus nur als Zweck die Schönheit an. Aber aus dem Behagen, welches das Schöne verursacht, fliesst dann allerdings auch eine veredelnde Wirkung.

Was aber die Musik oder vielmehr die Oper anlangt, so äussert er sich über sie folgendermassen: ³) Die Oper ist zwar das prächtigste der Schauspiele, aber das ungereimteste Werk, was der menschliche Verstand jemals erfunden. Wicgviel unnatür- liches, wieviel unmögliches findet sich nicht in den berühmtesten Opern. Die Vernunft muss man zu Hause lassen, wenn man in die Oper geht und sich mit der Wollust be- gnügen, die man dort durch das Gehör und das Gesicht empfindet. Denn allerdings sei nichts widersinniger, als zwei Helden vor sich zu sehen, welche von den wichtigsten Dingen sich singend unterhalten.

Dieses Urteil Lessings, so verkehrt es auch unseren Kunstschwärmern, welche beiläufig gesagt meist noch nie ſiber das Wesen der Kunst nachgedacht haben, vor- kommen wird, ist durchaus richtig. In den besten Opern wird alles mögliche gesungen, was nicht sangbar ist. Und welchen sittlichen Gewinn soll das Volk aus der Oper neh- men? Was nützen ihm die schönsten Melodien, da der Text meist, wenn nicht geradezu leichtsinnig und unsittlich, so doch höchst verworren und nichtssagend ist. Dies gilt von unseren besten Opern, die Mozartschen nicht ausgenommen. Sie sind samt und sonders keine Kunstwerke, weil ihnen jede Harmonie zwischen Form und Inhalt abgeht. Selbst Beethoven nannte die Opernglänzende Lügen, brillanten Unsinn und überzuckerte Lange- weile. ¹) Derartige Urteile von den berufensten Kunstkennern in Menge zusammenzu- stellen, wäre ein leichtes. Ich werde unten noch einige anführen.

Was Goethe anlangt, so war ihm der Gedanke besonders in seinen späteren Jahren) unerträglich, dass die Kunst einem ausser ihr liegenden Zweck dienen solle.

Ihr eine sittliche Absicht zu geben, war ihm äusserst zuwider und so sind denn auch Stimmen genug laut geworden, welche streng den Mangel an sittlichem Gehalt in vielen seiner Werke rügten. Bekannt ist z. B., was einst Niebuhr über unseren Dichterfürsten geurteilt hat:Goethe, welcher die ganze Welt nur von dem Gesichtspunkte aus be- trachtet, welcher uns ästhetisches Behagen gewährt, wird uns noch völlig zu Grunde richten. So hart dieses Urteil des grossen Geschichtsforschers ist, so ist es doch nicht das einzige der Art, welches über Goethes ästhetisierende Art, die Dinge zu behandeln, laut geworden ist. Dass Goethe für die Erniedrigung Deutschlands kein Wort gehabt hat, dass er die herrliche Erhebung unseres Vaterlandes in den Jahren 1813 1815 vollständig übergeht, ja mit heimlichem Groll verfolgt hat, ist eine nicht wegzuleugnende Thatsache. Von seinen Wahlverwandtschaften urteilt man fast allgemein, dass, so schön auch die Form des Dargestellten, so wahr auch die psychologische Begründung des Stoffs ist, dass

¹) Hamb. Dramat. Stück 29.

²) Theatral. Bibl. I S. 47, bei Kürschner B. V. 3) Lessing, bei Kürschner IV, 2. S. 148.

4) Rich. Wagner, Ges. Schriften I S. 136.

5) s. d. Brief an Zeller v. 29. Jan. 1830.