Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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die Idee des Ganzen ebenso unsittlich wie verwerflich ist. Nur in wenigen seiner Werke findet sich ein fester sittliecher Grundgedanke. In einem von diesen, in seiner Iphigenie allerdings, in einer Grossartigkeit und Schönheit, wie, ich möchte sagen, in keiner anderen Schöpfung des menschlichen Geistes, aber dieser Umstand kann ihn nicht von dem Vor- wurf befreien, dass es in fast allen seinen Werken nur das üsthetische Bebagen ist, worauf die ganze Darstellungsweise des Dichters hinzielt, und in dieser Hinsicht bleibt sich Goethe stets gleich. Ob wir die eben erwähnten Wahlverwandtschaften lesen oder Werthers Lei- den, die Italienische Reise, Wahrheit und Dichtung, Wilhelm Meister, oder selbst Werke wie die Belagerung von Mainz und die Campagne in Frankreich, immer finden wir den- selben ästhetisierenden Standpunkt wieder.

Auch Jean Paul hat dem Weimarer Dichterfürsten einseitige Verehrung des Alter- tums und ein ausschliessliches Verharren im blossen Kunstgenuss vorgeworfen.

Dabei will ich doch nicht unerwähnt lassen, dass sich auch bei Goethe einmal ein Urteil über die Dichtkunst findet, welches viele gewiss nicht bei ihm erwartet haben. In den Noten zum Westöstlichen Divan ¹) sagt Goethe:Der Poet ist wie der Prophet von einem Gott ergriffen und befeuert, aber er vergeudet die ihm verliehene Gabe im Genuss, um Genuss hervorzubringen und Ehre durch das Hervorgebrachte zu erlangen. Alle übrigen Zwecke versäumt er.

Selbstverständlich schreibt Schiller der Schaubühne und der Kunst überhaupt den grössten Einfluss auf die Bildung des Verstandes wie des Herzens zu. An die Erziehung des Menschen durch das Schöne zum Wahren und Guten hat er fest geglaubt. In seinem Gedicht:Die Künstler z. B. hat er diesen Ideen begeistert Ausdruck gegeben. Doch finden sich auch bei ihm Urteile in Menge, welche darauf hinweisen, dass die Kunst, weit ent- fernt davon sittlichen Einfluss auf die Menschheit auszuüben, sogar direkt die Sitten ver- dirbt. Derartige Gedanken hinsichtlich der Schaubühne finden sich z. B. in seiner Ab- handlung: Uber das gegenwürtige deutsche Theater(1782), Ich muss es mir aber leider versagen, seine dort angeführten Ansichten in extenso hier anzuführen. Ich will nur kurz aus Schillers philosophischen Schriften die Urteile zusammenstellen, welche gegen den sittlichen Wert der Kunst sich aussprechen.

In seinen frühesten Werken ²) ordnet er die Kunst der Moral entschieden unter, und wenn man hieraus auch nicht zu schliessen hat, dass Schiller die sittliche Wirkung für den eigentlichen Zweck der Kunst gebalten hat, so ist doch sicher, dass er das Sittliche für den würdigsten Inhalt der dramatischen Kunst erkennt, dass er die Hauptwirkung dem Stoffe und nicht wie später der blossen Form zuschreibt. 3) Nach seiner Beschäf- tigung mit Kant entwickelte Schiller seine ethischen Ansichten weiter und liess seine frühere Sittlichkeitslehre fallen.

In der Abhandlung: Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet, in welcher Schiller voll und ganz für den veredelnden Einfluss des Theaters eintritt, heisst

¹) Bei Kürschner B. IV S. 235.

2) Vergl. s. Abh.: Über das gegenwürtige deutsche Theater, wo Sch. d. dram. Kunst als eine Schwester der Moral und der Religion bezeichnet, oder die 1784 gehaltene Rede: Was kann eine gut stehende Bühne eigentlich wirken?

3) Vergl. Hlowe: Über, d. vermeintlichen Wechsel in Schillers Ansicht v. Verh. d. Ksthetischen zum Sittlichen. Progr. d. Real-Progymnas. zu Dirschau 1886. S. 5.

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