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weise eine Ueberproduktion von Künstlern und Kunstleistungen zur Folge haben, die uns gefährlich und schädlich wird. Mancher Virtuose der Kehle oder des Fidelbogens hat zehnmal soviel Einnahme, als der Staat scinen ersten Ministern und Generalen Jahresge- halt zahlt. Man kann nicht von den Reichen verlangen, dass sie grade das richtigste Ur- teil und den feinsten Geschmack haben. Solche Dinge finden sich bekanntlich stets bei den Mittelklassen mehr. Aber die Reichen sind es, welche den Geschmack beeinflussen, ja beherr- schen, da die Künstler selbstredend dem Geschmack derjenigen zu gefallen streben, die sie am besten bezahlen. Daher der traurige Umstand, dass die Kunst oft Modesache wird, dass Blasiertheit und Verderbnis so oft in der Kunst sich einschleichen. Kurz, jeder wird ein- sehen, dass bei unseren Verhültnissen sich der Stand der Künstler schneller und in grösserem Massstabe vermehren wird, als es die Bedürfnisse des Volks erfordern. Hierdurch müssen notwendig ungesunde Verhältnisse entstehen. Wir haben zuviel Angebot und zu wenig Nachfrage. Selbst wenn aber das Angebot reine Kunst wäre, d. h. wenn selbst die besten Kunstwerke überall dem Volke geboten würden, würde der Kunstsinn im Volke nicht grösser werden. Dies wäre gerade so, als wollten wir annehmen, eine Vermehrung von Bäckern müsse eine Vermehrung der Nahrung zur Folge haben. Dies ist nicht die Ord- nung der Dinge. Man muss Hunger haben, ehe man isst, man muss erst Kunsttrieb haben, cehe man die Kunst geniesst. Nun ist das aber, was dem Volk von Kunstwerken geboten wird und im Ubermass geboten wird, nur in den seltensten Fällen Kunst, und es wird sich jeder leicht sagen können, welche ungesunden Folgen dies alles nach sich ziehen muss. Und so wird man mir zugeben, dass selbst die schönsten Gemälde, die kostbarsten Bauten, die rührendsten Dramen, die grossartigsten Opern dem Volke sehr
gefährlich sind.
Nachdem wir so Stimmen aus fremden Völkern alter und neuerer Zeit gehört haben, welche die Kunst abfällig beurteilen, sei es mir noch vergönnt, Urteile der be- rufensten deutschen Denker und Dichter über das Wesen der Kunst, soweit es hier in Frage kommt, anzuführen. Leibnitz war in Deutschland der Erste, welcher das Schöne einer philosophischen Betrachtung für wert erachtete. Nach seiner Ansicht ist das Schöne zwar eine Vollkommenheit, aber eine verworren aufgefasste. ¹) Die Dichtkunst sah er als eine Dienerin der Moral an. ²)
Bei Kant ³) findet sich folgender Ausspruch: Romane, weinerliche Schauspiele, schale Sittenvorschriften, die mit sogenannten edlen Gesinnungen tändeln, in der That aber das Herz welk und für die strenge Vorschrift der Pflicht unempfindlich, aller Achtung für die Würde der Menschheit und aller festen Grundsätze unfähig machen, vertragen sich nicht einmal mit dem, was zur Schönheit, weit weniger aber noch mit dem, was zur Erhabenheit der Gemütsart gezühlt werden könnte... Da glaubt sich nun einer durch ein Trauerspiel gebessert, der bloss über glücklich vertriebene Langeweile froh ist.
Lessing steht im allgemeinen in diesem Streit über den Einfluss der Kunst auf die Sitten der Völker mehr auf Seiten derer, welche ibr eine veredelnde Wirkung beilegen, obgleich auch er von einer sogenannten moralisierenden Tenden⸗z der Kunst nichts wissen
¹) une perfection confusément connue. 2) Essay de Théodicée, ed. Erdmann 548, 3. ³) K. d. Urteilskraft p. 122 u. f.


