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jeder auf öffentlichem Platze ruft:„Kommt zu mir, von mir allein werdet Ihr nicht be- trogen.“ Was soll man von denen sagen, welche die Thüren zu dem Heiligtume der Wissenschaften erbrochen und den Pöbel hineingelassen haben? Wie viele sind durch sie zu den Wissenschaften geführt worden, welche sich besser auf andere Beschäftigungen würden verlegt haben. O Tugend, schliesst er, sind deine Lehren nicht in unser Herz gegraben? ISt es nicht genug, dass man in sich selbst geht, wenn man deine Gesetze lernen will und dass man die Stimme seines Gewissens hört, wenn die Leidenschaften schweigen? Ohne die berühmten Leute, welche sich in der gelehrten Welt unsterblich machen, zu beneiden, wollen wir uns bestreben, zwischen ihnen und uns den rühmlichen Unterschied zu machen, welchen man ehedem zwischen zwei grossen Völkern bemerkte; das eine wusste wohl zu reden, das andere wohl zu handeln.
Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck diese Schrift machen musste. Sicher- lich ist Rousseau in dieser Verdammung der Kultur viel zu weit gegangen, besonders in dem, was er gegen die Wissenschaft gesagt hat, aber eine Auflehnung gegen die Schäden und Verkehrtheiten des Künstler- und des Gelehrtentums wie gegen die Unnatur der herr- schenden Schöngeisterei war durchaus an der Zeit. Er will, wie Hettner ¹) sich ausdrückt, die schönen Wissenschaften aus ihrer eitlen, inhaltslosen und entnervenden Geschwätzig- keit zurückführen in das frische thatkräftige Leben. Rousseaus Lieblingsgedanke, sein Zurückkehren zur Natur, ist übrigens auch nur ein Traum, indem Rousseau der Unkultur Vorzüge andichtet, welche sie nicht hat. Als die Schrift erschien, war der erste Eindruck ein schwüler. Man wusste sich nicht genau Rechenschaft zu geben, wo in diesen uner- hörten Behauptungen die Wahrbeit ende und der Irrtum beginne. Aber man ahnte, dass unter der seltsamen Schale ein fruchtbarer Kern verborgen sei.
Lessing sagt in Bezug auf diese Schrift ²): Ich weiss nicht, was man für eine heimliche Ehrfurcht für einen Mann empfindet, welcher der Tugend gegen alle gebilligten Vorurteile das Wort redet, auch sogar alsdann, wann er zu weit geht. Dieses Wort, im Munde Lessings, ist um so gewichtiger, weil er selbst fast zu derselben Zeit ³) das Zurück- gehen aus der verderblichen Grübelei zur ausübenden Werkthätigkeit, aus dem Vernünfteln zum Handeln für eine unumgängliche Bildungsnotwendigkeit erklärte.
Haben wir so von Seiten eines Franzosen ein völlig vernichtendes Urteil über den sittlichen Wert der Kunst vernommen, so können wir auch einen Engländer, einen sehr bedeutenden Kulturhistoriker, anführen, welcher in ähnlicher Weise die Kunst verdammt.
Buckle äussert sich über dieselbe ungefähr so: ¹) Unsere verkehrte Zeit selbst ist Schuld an dem Unheil, welches die Kunst schafft. Es giebt bei uns viel mehr soge- genannte Künstler, als Bedarf ist. Es ist bei uns kein gesundes Verhältnis zwischen der Zahl der Künstler und den praktischen Ständen. Das kommt vor allem daher, dass bei uns der Mittelstand zu klein ist und die Zahl unserer ganz Reichen ebenso gross ist, wie die Zahl unserer ganz Armen. Wenn unsere Reichen in der Weise mit den Künstlern schön thun, wie es jetzt geschieht, wenn sie die Leistungen der Kunst, die oft recht mittel- mässig sind, in einer Weise bezahlen, wie es heut geschieht, so muss dies notwendiger-
¹) a. a. O. III S. 482.
²) D. neueste a. d. Reiche d. Witzes, Kürschners Deutsche Nat. Lit. Lessings Werke IV, 2. Abt. S. 10 3) Vergl. s. Gedanken i. d. Herrenhuter.
4) Gesch. d. Civilis. I 2. S. 164 f.


