Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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Kunst unser Betragen gebildet und die Leidenschaften eine erborgte Sprache gelehrt hatten, waren unsre Sitten bäurisch, aber natürlich. Die Leichtigkeit, einander zu erfor- schen, ersparte den Menschen unzählige Laster. Jetzt, wo ein feinerer Geschmack die Kunst zu gefallen in Regeln gebracht hat, herrscht in unseren Sitten eine schimpfliche und betrügliche Gleichheit. Immer befiehlt die Höfiichkeit, stets folgt man den Gebräuchen und niemals seinen eigenen Empfindungen. Kein Mensch weiss mehr, mit wem er zu thun hat. Welche Reihe von Lastern hat dies aber im Gefolge. Verdacht, Argwohn, Furcht, Zurückhaltung, Hass, Verräterei; und alle verstecken sich unter der Larve der Höflichkeit. Man rühmt nicht mehr seine eigenen Verdienste, sondern man verhkleinert die fremden. Man beschimpft seinen Feind nicht gröblich, sondern man verleumdet ibn mit Kunst. Der Nationalhass erlischt, aber ebenso die Liebe zum Vaterlande. An die Stelle der Unwissenheit ist eine gefährliche Zweifelsucht getreten. Man erkennt gewisse Ausschweifungen für schimpflich, gewisse Laster für entehrend, andere aber ziert man mit den Namen der Tugenden. Man muss sie haben, oder man muss sich wenigstens stellen, als ob man sie habe. Auf diese Art sind wir gesittete Völker geworden, und grössten- teils haben wir den Wissenschaften und Künsten diese Veränderung zu danken. Je stärker sich ihr Licht an unserem Horizonte ausbreitet, desto weiter ist die Tugend von uns ge- flohen; und eben diese Erscheinung hat man zu allen Zeiten und an allen Orten bemerkt. Rgypten war die Mutter der Weltweisheit und der freien Künste geworden und bald darauf wurde es ein Raub des Kambyses, der Griechen, der Römer, der Araber und end- lich der Türken. Als Griechenland auf seinen geistigen Glanz am stolzesten sein konnte, musste es sich in das macedonische, später in das römische Joch schmiegen. Rom, das von Hirten erbaute und durch Ackersleute berühmt gemachte Rom, fing schon zu den Zeiten des Ennius und Terenz an zu entarten. Nach den Zeiten eines Ovid, eines Catull, eines Martial aber ward es, sonst der Tempel der Tugend, ein Schauplatz der Laster, der Abschaum aller Völker und ein Raub der Barbaren. In Asien ist ein Land, wo die Menschen durch die gepriesenen Wissenschaften zu den erhabensten Aemtern des Staats steigen können. Gleichwol ist kein Laster zu nennen, welches nicht daselbst herrscht, keine Schandthat, die ihnen nicht geläufig ist. Alle ihre Weisheit hat sie von dem Joche des unwissenden Tataren nicht befreien können. Dagegen sind die Scythen, wie die alten Deutschen Beweise für das Gegenteil. Sie lebten ohne Wissenschaften; waren öfters Überwinder, wurden niemals überwunden. Sparta selbst, im Schosse Griechenlands, über- zeugt uns, wie tugendhaft man sein kann, ohne gelehrt zu sein. O Fabricius, fährt Rousseau fort, was würde Deine grosse Seele gedacht haben, wenn Du zu Deinem Un- glücke wieder aufgestanden würest und die blendende Pracht des durch Deinen Arm er- retteten Roms gesehen bättest! Götter! würdest Du gesagt haben, wo sind die strohernen Hütten, unter denen ehemals Mässigung und Tugend wohnten? Welche verderbliche Pracht hat mit der römischen Einfalt gewechselt! Was ist das für eine Sprache! Was sind das für weibische Sitten! Was bedeuten diese Bildsäulen, diese Gemälde, diese Ge- bäude! Unsinnige, was habt Ihr gethan? Ihr, Ihr Herren der Welt, Ihr habt Euch zu Sklaven nichtiger, von Euch überwundener Leute gemacht. Rhetoren sind es, die Euch beherrschen. Habt Ihr deswegen Asien und Griechenland mit Eurem Blute befeuchtet, um Baumeister, Maler und Bildhauer reich zu machen? Wird der Raub Karthagos einem Flötenspieler preisgegeben? Auf, Ihr Römer, reisset eure Schauplätze ungesäumt nieder,