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predigt. Denn die Bildung, so sagte man damals, ¹) macht den Menschen ebenso wenig menschlicher, edler, besser, wie die Kunst dies thut. Auch sie ist nur ein gefährliches, aberwitziges Ergötzen müssiger Leute Ist denn dieses vom Leben abgewendete Grübeln, so fragte man, in Wahrheit das Heil und die Erlösung der Menschheit, oder verkümmert und verzerrt es nicht vielmehr die frische Thatenlust, das lebenswarme Gefühl, die ein- fältige, sich ihrer selbst unbewusste Tugend?
Der Hauptfeind, welcher in dieser Zeit der Kunst erstand, war J. J. Rousseau. Er beantwortete die von der Akademie zu Dijon i. J. 1749 vorgelegte Frage: ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und der Künste dazu beigetragen habe, die Sitten zu bessern, direkt mit„Nein“ und niemand hatte vorausgesehen, dass diese Sehrift sogar gekrönt werden und nicht geahntes Aufsehen in Europa hervorrufen würde.
Man sage nicht, die Schrift stamme aus Frankreich und aus einer Zeit, welche der französischen Revolution vorausging. Rousseaus Schrift ist, trotz mancher Verstösse gegen Logik und Geschichte, ein Meisterstück und bringt so viele neue und geistreiche Gedanken, dass es wohl wert ist, dieselben näher zu betrachten.
Rousseau gab der von der Akademie gestellten Preisfrage eine philosophische Wendung: Er fragte nicht, ob das sogenannte Aufleben der Künste und Wissenschaften, sondern ob die Wissenschaften überhaupt der sittlichen Entwicklung förderlich oder hinder- lich gewesen, und mit leidenschaftlichem Eifer betont er den Nachteil, den sie den Sitten bringen. ²)
Rousseau hat seine Schrift in zwei Teile geteilt. In dem ersteren will er durch Beispiele aus der Geschichte zeigen, dass die Verderbnis der Sitten und der aus derselben hervorgehende Verfall des Staats allezeit mit der Aufnahme der Künste und Wissen- schaften verbunden gewesen sei. In dem anderen beweist er aus den Gegenständen und den Wirkungen der Kunst und der Wissenschaften selbst, dass sie notwendig diese Folgen nach sich ziehen müssen.
Die Völker Europas, so sagt er, dieses jetzt so erleuchteten Weltteils, waren im Mittelalter in die Finsterniss der ersten Zeiten zurückgefallen und lebten noch vor einigen Jahrhunderten in einem Stande, welcher weit elender als die Unwissenheit war. An Stelle der Wissenschaft war seichtes Geschwätz getreten, welches der Rückkehr einer wirklichen Wissenschaft ein beinahe unüberwindliches Hindernis entgegensetzte. Vor allem war eine allgemeine Umkehr nötig, um den Menschen wieder zu ihrem gesunden Verstand zu verhelfen; und endlich kam sie von der Seite, von welcher man sie am wenigsten er- wartet hatte. Der dumme Muselmann, die ewige Geissel der Gelehrsamkeit, war es, welche sie wieder herstellte. Der Umsturz des orientalischen Throns brachte die Über- bleibsel des alten Griechenlands nach Italien. Bald bereicherte sich auch Frankreich mit dieser kostbaren Beute. Auf die freien Künste folgten endlich die Wissenschaften und die Kunst zu denken verband sich mit der Kunst zu reden. Man fing an den grössten Vorteil des Umganges mit den Musen zu empfinden, nämlich diesen, dass er die Menschen gesellschaftlicher macht. Haben wir uns nun dieser Wiedergeburt der Wissenschaften zu freuen? Nein, antwortet Rousseau. Sie verschlechtert den Charakter der Menschen. Ihr verdankte man den Schein aller Tugenden, ohne eine einzige davon zu haben. Ehe die
¹) Hettner, Gesch. d. franz. Lit. II S. 409 u. f. 2²) Vergl. Hettner a. a. O. S. 411.


