Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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Verbot dieser Modekrankheit entgegen, durch welches die Rhetorenschulen als müssiges und sittenverderbendes Geschäft aufgehoben wurden.

Noch zu Ciceros Zeit konnte folgendes Urteil über die Dichter ausgesprochen werden: ¹)

Siehst Du nun, was die Dichter für Unheil anrichten? Sie führen die tapfersten Männer wehklagend ein und verweichlichen unseren Geist; sie sind ferner so lockend, dass sie nicht bloss gelesen, sondern auch auswendig gelernt werden... Die Dichter ertöten alle Spannkraft der Jugend. Mit Recht werden sie daher von Plato aus dem Staat ent- fernt. Sallust ²) lässt den Marius sagen: Wozu sollte ich mich mit griechischer Schön- geisterei beschäftigen, welche denen, welche sie betrieben haben, nichts genützt hat?

Wenn Vergil ³) jenen Ausspruch that, dass die Römer allen anderen Völkern den Ruhm in Wissenschaften und Künsten gönnen, selber aber Völker regieren, mit Kraft und Milde gebieten wollen, so zeigt sich darin deutlich die Ansicht, dass Betreiben von schönen Künsten und politische Stärke unvereinbare Begriffe sind ¹)

Seneca ⁵5) sagt von den Künsten, sie seien schmachvolle Beschäftigungen. Juvenal schildert den Einfluss des Schauspiels auf die Sitten als höchst verderblich.)

Noch ein späterer römischer Schriftsteller sagt:

Nichts ist an der fremden Sitt' als tausendfache Schwindelei, Besser als der römische Bürger führt sich keiner auf der Welt. Mehr als hundert Sokratesse gilt der eine Cato mir.

Dass in der ersten Zeit des Christentums und im Mittelalter die Kunst zeitweise hart bekämpft wurde, ist natürlich. Der heilige Hieronymus, Augustinus, 7) Tertullianus), Lactantius und andere Kirchenväter wandten alle ihre Kräfte an, die Künste und beson- ders das Schauspiel zu unterdrücken, welches unserer Religion gerade zuwider war. Die Ermahnungen und Verweise der heiligen Väter hatten ihre Wirkung, und bald verfiel die lateinische Komödie vollständig. Aus der Zeit des Mittelalters will ich noch des Um- standes Erwähnung thun, dass der Koran die Ausübung der Kunst verbietet. In seiner Abneigung gegen die Dichtkunst ging Mahomet so weit, dass er sogar die Märchen, wie alle Spiele einer leichtfertigen Einbildungskraft verbot. Ihr eigentlicher Charakter ist, so sagt er, dass sie keinen sittlichen Zweck haben und daher den Menschen nicht auf sich selbst zurück, sondern ausser sich hinaus ins unbedingte Freie führen.

Auch in neuerer Zeit haben die schönen Künste wieder Angriffe erfahren und sind für sehr gefährlich für die Sitten der Völker erklärt worden. Ja, die ganze Bildung, Wissenschaft und Litteratur wurde als nichtiges und verderbliches Flitterwerk gebrand- markt und dafür die Einfalt der Natur und die Grösse schlicht bürgerlicher Tugend ge-

¹) Tuscul. II c. 11.§ 27.

2) Iug. 85§ 32. neque litteras graecas didici, quippe quae ad virtutem doctoribus nihil profuerant- ³) An. VI 848-.854.

4) K. Fr. Hermann, Kulturgesch. d. Gr. u. Röm. S. 4.

5) Controv. I praef. 8. cantandi saltandique obscoena studia.

6) Sat. VI 60 70.

7) de civit. dei II, 7.

8) de idololatria c. 3.