Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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durch einen vielfach unnatürlichen Geistesrausch entnervend und gegen die Wirklichkeit abstumpfend wirkt. Denn nicht das ist die wirkliche Welt, welche der Künstler in seiner Pbantasie sich uad uns vorgaukelt, sondern das gemeine, wirkliche Leben ist die Bühne, auf der wir uns bewegen, auf der wir uns zurechtfinden und ein leidliches Glück zu er- ringen streben müssen.

Man mag nun Platos Ansichten über die Kunst für falsch oder für richtig halten, soviel ist sicher, die Geschichte seines Vaterlandes hat seine Ansichten voll und ganz be- stätigt. Denn was hat dem athenischen Staat alle seine Kunst und Herrlichkeit genützt? Hat sie die Bürger besser oder vaterlandsliebender gemacht? Im Gegenteil; zur Zeit der Perserkriege, als die griechische Kunst noch in der Wiege lag, war Vaterlandsliebe vor- handen, da wurde die Einzelpersönlichkeit aufgegeben, da war eine rücksichtslose Ver- wertung des Einzolnen für die Zwecke des Gesamtstaates vorhanden, nicht aber mehr später, wo das Betreiben der Künste für den Einzelnen uneingeschränkte Freiheit zu einer Lebensbedingung machte..

Schliesslich will ich noch dem Einwurf derer begegnen, welche wie dies oft ge- schieht meinen, das platonische Staatsideal sei nichts als eine phantastische Träumerei. Kant, in der Kritik der reinen Vernunft, äussert sich darüber so:die platonische Repu- blik ist als ein vermeintlich auffallendes Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müssigen Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort geworden, doch ist die Idee ganz richtig, welche dieses Maximum zum Urbilde aufstellt, um nach dem- selben die gesetzliche Verfassung der Menschen der möglich grössten Vollkommenheit immer näher zu bringen.¹) Auch Rousseau sagt von Platos Staat, er sei kein Utopien- land aller möglichen Träumereien, sondern die beste Abhandlung über Erziehung, die je geschrieben ist. ²)

So auffallend übrigens das Urteil Platos über die Kunst ist, so findet sich doch eine derartige Auffassung bei den Griechen auch noch in späterer Zeit. Ja es ist sogar be- kannt, dass bei den Alten auch die Künste strengen bürgerlichen Gesetzen unterworfen waren. ³3) Da der Endzweck der Künste das Vergnügen ist, und das Vergnügen entbehr- lich ist, so darf nach Ansicht der Alten es allerdings vom Gesetzgeber abhängen, welche Art von Vergnügen und in welchem Masse er es gestatten will. In Theben z. B. bestand ein Gesetz, wonach Bildhauern und Malern die Nachahmung zum Schöneren geboten, da- gegen die zum Hässlicheren, die Karikatur, bei Strafe verboten war. Wir sehen also, dass die Alten auch sonst mehrfach eine Empfindung von dem Schaden hatten, den die Kunst stiften kann. Eratosthenes hat nach Strabo ¹) den Ausspruch gethanalle Dichtung habe nur Gemütsergötzung, nicht geistige Bildung zum Zweck. Er vertrat überhaupt die platonische Ansicht in ihrer ganzen Strenge. Auch jene Worte Philipps von Macedonien kann man wohl hier als einen Beleg dafür, dass die Künste grade nicht durchweg in hohen Ehren standen, anführen, welche er seinem Sohne Alexander gegenüber that, als dieser

¹) Vergl. J. Müller, Platos Staatslehre S. 17, Progr. d. Realsch. zu Sondershausen 1886.

²) Emile, I. I p. 13. Quand on veut renvoyer au pays des chimdres, on nomme l'institution de Platon... c'est(la République) le plus beau traité d'éducation qu'on ait jamais fait.

3) Lessing, Laokoon, Stück 2. Ausg. v. Blümner S. 23 ff.

4) I c. 2§ 2 vergl. I 1.§ 11.