Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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der Wurm, der an jedem Menschen nagt.¹) Aber alles, was von Aristoteles bis auf unsere Zeit gegen Platos Kunsturteil vorgebracht worden ist, ²) hat mich wohl ab und zu schwankend machen, aber nicht überzeugen können, dass er unrecht hat. Vor allem findet man die Idee unrichtig, dass der Künstler nur das Bild vom Bilde eines Bildes geben könne. Man wendet ein, es sei eben Aufgabe des Künstlers gleich dem Philosophen zur Idee und zum Urbilde zurückzukehren und sie möglichst in seinem Werke zur Darstellung zu bringen. ³) Mit anderen Worten, der Künstler könne ja idealisieren. Aber ist das wohl eine Widerlegung der Platonischen Ansicht? Nein, sie ist es nicht. Denn erstlich kommt dieses Idealisieren mit wenigen Ausnahmen nur bei der Darstellung des Menschen zur Anwendung, ¹) und zweitens wird auch dann die Wirklichkeit nicht erreicht, sondern doch immer nur ein Bild gegeben. Denn wenn auch der Künstler bei Darstellung irgend eines Dinges in der Erscheinungswelt, eines Baumes, eines Vogels oder eines Pferdes in mancher Hinsicht die Natur übertreffen kann, so kann er sie doch nie erreichen. Er kann immer nur ein Bild schaffen, was nur wenig und nur einzelnes von jener Idee in sich haben kann, die nach der Ansicht Platos das Urbild für das Wesen in der Erscheinungs- welt gewesen ist. Denn das Wesen der Kunst bringt es mit sich, dass von der immer veränderlichen Natur nie mehr als ein einziger Augenblick und in der bildenden Kunst dieser einzige Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichtspunkte dargestellt werden kann. Wie weit muss also die Kunst hinter der Natur zurückbleiben! Tizian z. B. ist gewiss ein grosser Maler und nie wieder das rühmt man ihm nach hat ein Maler die weibliche Schönheit so mit dem Auge geschaut und erfasst, wie er. Aber wer wird behaupten wollen, dass seine Frauengestalten die Natur überträfen? Ebenso ist es wahr, das Antlitz der Sixtinischen Madonna ist überirdisch und das des göttlichen Kindes schaut mit so ahnungsvollem Auge, wie kein von einem Weibe geborenes Kind, aber wer will sich erkühnen zu behaupten, dass Raphael den ewigen Werkmeister übertroffen habe? Dass nun ein Anschauen solcher veredelten Formen eines echten Kunstwerkes und das Ver- senken in eine solche Schöpfung dem verständnissvollen, eingeweihten Betrachter Genüsse bereitet, die an Reinheit und Wahrheit der Beseligung den übersinnlichen Ideenfrcuden Platos nicht weichen, ist sicher, auch hat dies Plato selbst zugegeben, aber auch dann ist zu fragen, welcher sittliche Gewinn erwächst dem Beschauer daraus? Plato sagt, gar keiner, und ich möchte sagen, mit Recht. Der Einwurf nämlich, dass die Kunst idealisieren könne, ja, dass es die Bestimmung der Kunst sei, zu idealisieren, ist keine Rechtfertigung, sondern gerade eine Anklage gegen die Kunst. Denn gerade darin liegt das Gefährliche der Kunst. Sie ist gefährlich, weil die Menschen sich zu den Idealen in der Kunst flüchten und in ihnen eine Wirklichkeit zu umfangen glauben, welche die Mängel des gewöhnlichen Lebens ausgleichen soll, sie aber in Wirklichkeit nicht ausgleicht; sie ist gefährlich, weil die Kunst dem Menschen ein Glück vorgaukelt, dem er sich leidenschaftlich hingiebt, das ihn aber wie ein Irrlicht ins Verderben zieht; sie ist gefährlich, weil die Kunst selbst in ihren besten, oder gerade in ihren besten Werken man denke an Goethes Werther

¹) E. Schulte, Erinnerungen an das alte Joachimsthal'sche Gymnasium S. 75.

2) Vergl. Haushalter a. a. O.

3) Vergl. z. B. Vischer, Asthetik II S. 359 und 360.

4) Auch nach Lessings Ansicht ist nur der Mensch das Objekt der Kunst. Er allein kann ideali- siert werden. Vergl. Laokoon Ausg. von Blümner. Seite 31.