15
Nachahmung gewissermassen befeuchtet, während man sie doch, wie die Vernunft gebietet, vertrocknen lassen sollte. Deshalb macht denn auch das Lustspiel die Menschen nicht besser und glücklicher, sondern schlechter und unglücklicher.
Und so hält Plato jeden Versuch durch die Kunst veredelnd auf die Menge zu wirken, für völlig verfehlt. Wer den Neigungen, sagt er, und den Launen der Menge dient und diese durch die Kunst zu lenken strebt, ist einem Manne zu vergleichen, der sich ein unbändiges Tier, das er aufziehen will, dadurch geneigt zu machen sucht, dass er sich ganz in dessen Natur hineinstudiert und die Kenntnis derjenigen Zurufe, durch welche dasselbe gelenkt werden kann, für Weisheit erklärt, ohne zu wissen, was davon nun an sich schön oder hässlich, nützlich oder schädlich, gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht ist, der vielmehr nach dem Dafürhalten jenes wilden Tieres das gut nennt, was diesem angenehm, das schlecht, was diesem zuwider sei. ¹)
Schliesslich 2) begegnet Plato dem Vorwurf der Härte und Unbildung, den man ihm wegen dieser seiner feindlichen Gesinnung gegen die Kunst machen könne. Er for- dert deshalb die Dichtkunst heraus, sich zu rechtfertigen. Wenn sie das kann, will er sie im Staate aufnehmen. Dass er sich selbst des Zaubers bewusst ist, dessen sie fähig ist, giebt er zu. Auch alle Freunde der Dichtkunst fordert er auf, den Beweis zu erbringen, dass diese nicht bloss etwas dem Vergnügen dienendes sei, sondern für den Staat und das menschliche Leben wirklich Nutzen bringe. So lange sie aber nicht ihre Verteidigung zu führen verstehe, habe er die Pflicht, sich durch die Bannformel der Vernunft gegen ihren Zauber zu schützen, wie zwei Verliebte, die zu der Einsicht gekommen, die Liebe gereiche ihnen nicht zu ihrem Besten, mit Uberwindung zwar, aber dennoch sich aufgeben müssten. (c. 9).
Der erste, welcher dieser Aufforderung nachkam, war Aristoteles. Wie dieser die Ideenlehre Platos im allgemeinen bekäümpft, so im besonderen seine Kunsttheorie. Fast unübersehbar ist die Litteratur über die Ansicht des Aristoteles den Endzweck der Kunst betreffend. 3) Dieser Philosoph steht der Kunst nicht feindlich gegenüber wie Plato. Nach seiner Ansicht ist Zweck und Wirkung der Kunst Erholung und Unterhaltung. Das Schöne in der Kunst muss mit dem sittlichen vereint sein; in Folge dessen sah er nur das für ein Kunstwerk an, was schön und sittlich zugleich war. Auch verlangte er von den Werken der Kunst eine sittlich bessernde Kraft. Er dachte sich dieselbe aber nicht als die unmittelbare oder gar beabsichtigte, sondern als die durch den äüsthetischen Genuss vermittelte, selbstverstüändliche Folge.
Aristoteles blieb nicht der einzige, welcher im Gegensatz zu Plato die Künste in ihrer Wirkung in Schutz nahm. Ja man ist bis auf den heutigen Tag nicht müde ge- worden, Plato zu bekämpfen, und kaum ist jemals eine Stimme laut geworden, die sich auf die Seite des grossen Denkers gestellt hätte. Ganz hat es an solchen Stimmen aller- dings doch nicht gefehlt. Ich erinnere hier nur an den Ausspruch eines hochgebildeten Mannes, Moritz Seyffert:„Niemand hat das Wesen des Schönen besser erfasst, als Plato, und doch war er es gerade, der die Dichter aus seinem Staate verbannen wollte. Das ist
¹) Staat VI c. 7. p. 493.
²) X c. 8 p. 607 D.
3) Sie ist zusammengestellt bei Bernays, Grundzüge der verlor. Abh. d. Arist. ü. d. Wirkung der Trag., Breslau 1857, und bei A. Döring, Vortrag auf der Phil.-Versaml. in Kiel 1869.


