Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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12 über die Musik zerstreut. Nach demStaatsmann¹) ist die Musik eine nachahmende Kunst, die nur Scheinbilder hervorbringt; nach demKratylos(432) ahmt sie nur den äusseren Schein der Dinge, den Klang derselben, nicht deren Wesen nach; imGorgias (465 und 501) wird die Instrumentalmusik den Schmeichelkünsten beigezählt, die sich den Sinnen gefällig erweisen; dieGesetze nennen sie eine Kunst, ²) die nur gewisse Spie- lereien schafft, welche an der Wahrheit wenig Anteil haben.

Von den Tonweisen duldet Plato nur die dorische und die phrygische, d. h. solche, welche die Töne und die Ausrufe eines tapferen Mannes in passender Weise nachahmen, sowohl wenn derselbe in kriegerischem Thun begriffen ist, als auch wenn er in Wunden und Tod oder ein sonstiges Missgeschick gerät und doch bei alledem fest auf seinem Posten bleibt und mit Ausdauer gegen das Geschick sich wehrt. Die lydische und die ionische Tonart sind gefährlich, denn durch ihre Süssigkeit und Anmut führen sie zur Schwermut und entmannen den Geist. Ebenso sind viele Instrumente und ein Reichtum von Saiten an der Lyra oder Cithara vom Ubel; auch haben verwickelte und zusammen- gesetzte Rhythmen nur nachteilige Folgen für das Gemüt des Menschen. Auch eine Stelle aus dem VII. Buch ³) gehört hierher, wo Plato sagt, nie sollen die Zöglinge seines Staates etwas Zweckloses lernen, wie z. B. die thun, welche die durch das Gehör wahrgenom- menen Accorde und Klänge gegenseitig messen und sich erfolglos plagen, die in lächer- licher Weise von Schwierigkeiten sprechen und die Ohren recken, wie wenn sie von einem Nachbar einen Laut erlauschen wollen, und die so die Ohren zu Vorstehern des Denkens machen.

Im X. Buch sind es die bildenden Künste und die dramatische Dichtkunst besonders, deren verderblichen Einfluss auf die sittliche Bildung Plato nachweist. Was er hier vor- trägt, ist eine logische Folge seiner ebenso laut gefeierten wie heftig angefeindeten Ideen- lehre. Nach Plato haben die Dinge in der gesamten Erscheinungswelt keinen wirklichen Wert. Sind sie doch nur Abbilder der Idee des Dinges, wie sie im göttlichen Verstande lebt. Da nun Plato als Princip der Kunst die Mimesis, d. h. die Nachahmung, erkannte, so machte er folgenden logischen Schluss: Die Dinge der Erscheinungswelt sind Abbilder der Idee des Gegenstandes, die Werke der Dichter und Künstler aber sind Abbilder von diesem Gegenstand; da dieser also selbst schon ein Bild von einem Bilde ist, so ist ein Kunstwerk bloss das Bild vom Bilde eines Bildes. Haben bei ihm die Gegenstände selbst einen bloss sekundären Werth, so haben die Kunstwerke selbstverständlich noch weniger, sie sind ja erst aus dritter Hand und bleiben weit, weit hinter ihrer Idee zurück. In Folge dessen ist die ganze nachahmende Kunst zu verwerfen und aus dem Staat zu ver- bannen, denn sie ist nur ein Makel für die Denkthätigkeit jener Menge, die nicht ein Heilmittel hiergegen in dem Wissen des wirklichen Seins der Dinge besitzt. ¹) Hier kommt er noch einmal auf Homer zu sprechen; von ihm gilt das Gesagte um so mehr, als er Lehrer und Führer aller tragischen Dichter geworden ist. An dieser Stelle gesteht er auch, wie schwer es ihm füllt, selbst über Homer dieses vernichtende Urteil aussprechen zu müssen, weil er für ihn von Kindheit an eine gewisse Liebe und Ehrfurcht gehegt

¹) Politic. 306.

²) Gesetze X 889 D. 3) c. 12.

4) Staat X c. 1.