Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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setzat! Und wie auf diese Weise durch die Dichter die Gottesfurcht in den Seelen der Kinder vernichtet wird, so ist es auch mit anderen Tugenden. ¹)

Als zweite Tugend verlangt Plato von dem Bürger seines Staates Tapferkeit, ²) die nach seiner Ansicht nicht bloss in Furchtlosigkeit vor dem Tode, sondern in ruhiger Festigkeit und Entschiedenheit in jeder Lage des Lebens besteht. Auch der Erziehung zu dieser Tugend treten die Dichter häufig hemmend in den Weg, ja üben gradezu die entgegengesetzte Wirkung aus, indem sie den Aufenthalt in der Unterwelt, der sie die grausigsten Namen geben, als einen sehr schrecklichen schildern. So erzeugen die Dichter Todesfurcht,s) was sehr schädlich ist, denn der spätere Bürger soll den Tod nicht fürchten, sondern nur Schande und Knechtschaft.

Ferner kann es auf keine Weise geschehen, dass man die dritte Tugend, die Be- sonnenheit, d. h. diejenige Verfassung der Seele, sich aneigne, wo das Vernünftige über das Unvernünftige herrscht, wenn man schon in frühester Jugend hört, dass die grössten Helden Mangel an Selbstbeherrschung haben im Leiden wie im Genuss, dass sie sich gegen die Oberen auflehnen und sich den ungezügeltsten Leidenschaften hingeben. Deshalb muss auch alles das im Homer gestrichen werden, wo er den Achill unmässig klagen, weinen und jammern lässt.¹) Noch mehr versündigt sich aber Homer, wenn er so etwas sogar von den Göttern dichtet.5) Wie sollen sich junge Leute im Leben betragen, wenn sie Götter und Helden sich so unwürdig benehmen sehen? So ist der ganze Zorn des Achill, sein Streit mit Agamemnon, seine entsetzliche Wut, als Patroklus gefallen ist, das Schleifen der Leiche Hektors, das Hinschlachten der Gefangenen am Scheiterhaufen, für die Jugend nur schädlich zu hören und zu lesen.

Und wie es zu tadeln ist, dass Homer seine Helden unmässig jammern und weinen lässt, so muss alles das gestrichen werden, wo er sie nicht im Lachen Mass halten lässt, wie z. B. in der Ilias,6) wo er die Götter in nicht enden wollendes Gelächter ausbrechen lässt, als sie den hinkenden Hephästos emsig durch die Gemächer umhergehen sehben. Und so giebt es sehr viel anderes im Homer, was die Jugend leicht zu Schlechtigkeit und Leichtsinn verführen kann.

Hier bricht Plato seine Kritik über den Einfluss der Dichter auf die Sitten der Jugend ab, um im X. Buch noch einmal darauf zu sprechen zu kommen.

Ich meine, was auch dagegen geschrieben worden ist,7) Platos Tadel ist hier sehr gerecht. Das Verderbliche der Dichtkunst, welches darin liegt, dass sie oft schlechte Leiden- schaften und Handlungen der Götter und Heroen zum Gegenstand ihrer Darstellungen macht, hat Plato mit vollstem Recht hervorgehoben. Dass diese Göttermythen alle Sitt- lichkeit und den religiösen Sinn des Volkes untergraben mussten, ist schon oft anerkannt worden.

Im dritten Buch des Staats(c. 10) bespricht Plato den Einfluss der Musik auf die Sittlichkeit der Menschen. Auch in anderen Werken Platos finden sich einzelne Urteile

¹) Staat II c. 21.

2) Staat III c. 1 u. f.

3) Od. X 495 u. f. XI 489 u. f. XXIV 6 u. f. Jl. XX 64 u. f. XXIII 103 u. f.

4) Jl. XVIII 23 u. f. XXIV 4 u. f.

5) Jl. XVIII 50 u. f.

6) I 599 u. f. ) Vergl. z. B. Haushalter: Plato als Gegner der Dichter; Progr. von Rudolstadt 1875.

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