Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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Welches Gift nach Anschauung der Alten z. B. in der Musik liegt, sieht man auch aus dem Rat, den Krösus dem Cyrus gab, er solle das Volk von innen heraus durch Musik schwächen wie den Löwen durch Kitzel; sie sei das beste Mittel, ein Volk zu knechten und seinen Sinn zu verderben.

Von den Philosophen aus der Blütezeit Athens war es kein geringerer als Sokrates selbst, welcher Dichter und Künstler sehr gering schätzte. In mehreren Werken Platosi) wird er eingeführt, wie er von Dichtern und Künstlern erzühlt, dass sie zwar vielerlei zu wissen vorgäben, dass sie aber, wenn man näher auf die Sache eingehe und Auskunft über ihre Werke von ihnen haben wolle, nicht Auskunft geben könnten und insofern noch hinter den Handwerkern zurückständen, die in ihrem Fach gewöhnlich sehr tüchtig würen. Bei ihm überwog in der Kunst, wie Zimmermann ²) erwühnt, das Interesse am Ethischen das am Aesthetischen. Auf ihn selbst wird auch die Strenge zurückgeführt, mit der Plato den Homer und Hesiod als wahre Verführer der Jugend erklärt und die tiefe Verachtung, womit er von der Kunst der dramatischen Dichter und Schauspieler spricht.

Der erbittertste Gegner, der jemals den schönen Künsten erstanden, ist Plato. Es ist dies eine Thatsache, die zu den merkwürdigsten auf Erden gerechnet werden muss. Merkwürdig, weil Plato selbst ein überaus grosser Künstler war, wie man dies aus dem wunderbaren Bau, der edlen Form, der bezaubernden Schönheit der Einkleidung fast aller seiner Werke sehen kann, merkwürdig, weil er dieses sein absprechendes Urteil grade zur Zeit der höchsten Kunstblüte in Hellas äusserte, in welcher ein Phidias lebte, welcher, wie A. Stahr ³) sich ausdrückt, in dem olympischen Zeus gleichsam die Majestät Gottes vom Himmel herabgeholt und verkörpert hatte, zu einer Zeit, in welcher in der Niobiden- gruppe der Welt die höchste Tragik des Menschengeschicks vor die staunenden Augen gestellt war, in welcher Praxiteles das Urbild der Schönheit in der schaumgeborenen Göttin der Liebe gegeben hatte, in welcher ein Sophokles unerreichte Muster der Dicht- kunst geschaffen, in welcher Athen in einer Herrlichkeit der Kunst prangte, wie sie auch nicht annähernd jemals wieder die Welt gesehen hat. Aber es ist so. Alles dies hat Plato nicht abgehalten, ein völliges Verdammungsurteil über die gesamte Kunst auszu- sprechen. Man sage also nicht, Plato habe die Musen und Grazien verschmäht, weil er nie ihre Gunst erfahren oder er habe die Kunst verdammt, weil er ihr A und ihr O, das Schöne, nicht gekannt habe. Dem ist durchaus nicht so. Er hat grade von dem Schönen einen sehr hohen Begriff. Ist ihm doch das Schöne gleich mit dem Guten und dem Voll- kommenen.¹) Aber eben dieses sittlich Schöne, dieses Gute und Wahre ist es, was er in den Gebilden der Kunst vermisst und was wir noch heute in ihnen nur allzu oft vermissen.

lch will seine hierher gehörigen Ansichten, wie sie sich vor allem in seinemStaat finden, kurz zusammensstellen.)

Bei der Besprechung der Erziehung der Wächter des Staats sagt Plato,s) dass die grösste Vorsicht bei der Auswahl der Fabeln und Mythen nötig sei, welche der

¹) z. B. in der Apologie.

²) Asth. I S. 5.

5) Arist., Poetik S. 20.

4) Vergl. Timäus 87 C., Kratylos 416.

5) Zur Hand war mir die Übersetzung von Prantl. 6) Staat II c. 17.