Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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Urteil des Aristoteles ein, welcher von der Zucht der Spartaner meint, dass sie die Menschen einseitig und roh mache? Zu diesem Urteil musste Aristoteles kommen, wenn er die freie Entwicklung aller edlen Anlagen und Kräfte, vor allem eine gleichmässige geistige und üsthetische Ausbildung von dem Menschen in seinem Staate verlangte, oder richtiger gesagt, zur Hauptsache machte. In Sparta, das ist wahr, war der Staat die Hauptsache, aber unterdrückt wurde das Individuelle nicht. Wer eine unwidersprechliche Widerlegung der irrigen Ansicht haben will, dass die Spartaner in düsterer Strenge und Anmutlosigkeit ihr Leben geführt hätten, den verweise ich auf das, was O. Müller hier- über sagt.¹) Er wird dort eines anderen belehrt werden. Auch sonst lassen sich viele Beispiele und Beweise anführen, dass die Spartaner durchaus nicht der Bildung bar und den Künsten abhold gewesen seien. So brachte der König vor jedem Treffen den Musen ein Opfer dar, damit diese Göttinnen den Kümpfenden nahe seien und sie zu denkwürdigen Thaten begeisterten. Ferner wird erzählt, dass es Lykurg gewesen ist, der die Home- rischen Gedichte aus Ionien nach dem eigentlichen Griechenland gebracht hat. Dass die Dorier auch sonst in der allgemeinen Bildung nicht zurückgestanden haben, beweist der Umstand, dass vier von den sogenannten sieben Weisen dorischer Abkunft waren. Das Bezeichnende in allen den Sprüchen und allen den Gedanken, die wir von ihnen kennen, ist allerdings nicht eine besondere Weisheit, sondern eine tüchtige Gesinnung, denn auch in der Philosophie konnte man nach ihrer Ansicht zu viel thun. Deshalb waren bei ihnen Sophisten, die durch klügelnde Kritik das Bestehende zersetzten und die Achtung vor demselben untergruben, nicht gelitten. Und so spricht denn auch O. Müller²) den geist- reichen Gedanken aus, duss man dem dorischen Stamm viel Kunstsinn zuschreiben müsse, nur müsse man das gesamte Leben als Kunst und den ausgebildeten Menschen mehr noch als Bilder aus Stein oder Erz als Kunstwerk ansehen.

Als später Lysander nach der Beendigung des Peloponnesischen Krieges nicht weniger als 1000 Talente nach Sparta brachte und damit die Liebe zu Pracht und Kunst- werken rege wurde, nahm Spartas Grösse schnell ab. Mit dem ersten Schritt, den sie von Lykurgs Gesetzen abwichen, sanken sie von ihrer Höhe herab.

Auch im übrigen Hellas gab es selbständige Geister, die sich über die Anschau- ungen ihrer Zeit hinwegzusetzen wagten und die schönen Künste anders ansahen, als dies sonst der Fall war. So vor allen die Eleatischen Philosophen, welche besonders über die alten Dichter sehr abfällig urteilten und von den Gedichten derselben behaupteten, sie seien den Sitten der Jugend schädlich. Von Xenophanes ist bekannt, dass er in seinen Parodieen und Sillen die anthropomorphischen und anthropopathischen Göttergestalten des Homer und Hesiod, die doch als die Begründer der ganzen hellenischen Volksbildung an- geschen wurden, heftig bekämpft hat und überhaupt den religiösen Vorstellungen, wie die Dichter sie den Griechen bildeten, schroff entgegengetreten ist.³)

Auch von Solon erzählt Diogenes Laertius, ¹) dass er dem Thespis die Auf- führung seiner Tragödien verboten habe, und zwar, weil dieselben unnütz seien und auf Fälschung der Thatsachen beruhten.

1) a. a. O. III. S. 378 u. f.

²) a. a. O. S. 379.

³) Uberweg, Geschichte d. Phil. I. S. 55. 4) I p. 59.