Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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Nach Lykurgs Willen sollte der Raum für die Volksversammlung ohne Säulen und ohne jeden künstlerischen Schmuck sein. Lykurg glaubte nämlich, dass derartige Werke der Kunst, weit entfernt, die Beratungen zu fördern, vielmehr schädlich auf dieselben wirk- ten, indem die Versammelten dadurch zerstreut und mit eitlen Vorstellungen erfüllt wür- den. Daher duldete er bier keine Standbilder und Gemälde oder Vorhallen von Schau- bühnen oder prachtvoll geschmückte Decken und dergleichen mehr. ¹)

Da er Armut für einen Segen hielt, so verbannte er alle Gold- und Silbermünzen, wie alle aus Gold und Silber verfertigten Geräte. Wenn so der Uppigkeit aller Boden entzogen wäre, das war seine Ansicht, dann würden die Künste von selbst in den ihnen gebührenden Schranken bleiben.

Bekannt ist die Bestimmung des Lykurg, dass bei jedem Hause, das man baue, für die Herstellung des Daches und der Thüren nur die Axt und die Säge, sonst aber durchaus kein anderes Werkzeug zur Anwendung kommen solle. Hierdurch erhielt er, das wusste Lykurg, die Spartaner am besten bei der dorischen Einfachheit der Sitten. Denn ein solches Haus, sagte er, mache Pracht und Uppigkeit unmöglich. Niemand würde so geschmacklos und unverständig sein, dass er in ein so einfaches und schmuck- loses Haus Ruhebetten mit silbernen Füssen, Purpurdecken, Goldpokale und ühnliche Prunkgeräte bringen sollte. Es sei notwendig, dass mit dem Haus das Ruhebett, mit dem Ruhebett die Decken, mit diesen die übrige Ausstattung und Einrichtung dés Hauses über- einstimme und im Verhältnis stehe.*

Lykurg verband mit dieser völlig schmucklosen Herstellung des spartanischen Wohn- hauses noch eine tiefere Idee. Er wollte, dass die Spartaner sich in ihren Häusern nicht einem glücklichen Sonderleben hingeben. Er hatte immer das Ganze im Auge. Zu Bürgern wollte er sie machen, welche sich als Glieder einer Staatsfamilie ansähen, nur als solche sich glücklich fühlten und dieser gern alle ihre Kräfte widmeten. Der Einzelne sollte im Staate ganz aufgehen, und Lykurg wusste sehr wohl, was die Bürger in diesem Verhältnis erhalten und was sie daraus entfernen würde. Jemehr der Einzelne sich absondert, mag er auch Künste und Wissenschaften treiben, desto mehr ist Gefahr, dass Vaterlandsliebe und Nationalgefühl verloren gehen.

Niemand wird leugnen, dass in dieser Strenge, diesem Ernst, dieser Mässigkeit und Einfachheit der Dorier mehr Gewäühr für das Bestehen Griechenlands lag, als in der Weichheit, Leichtigkeit, Genusssucht und Prunkliebe der Athener. Und so sah denn schon Simonides²) etwas grossartiges, achtunggebietendes in dem Anblick dieser männerbändigenden Sparta, wo ein wenig zahlreiches Volk in völliger Hingebung jedes Einzelnen an das Ganze und in unbedingter Unterwerfung der Neigungen des Einzelnen unter die Forde- rungen des Gemeinwesens eine Thatkraft beweist, die es fähig macht, sich im Besitz der Herrschaft über eine weit grössere Zahl von Unterthanen und in anerkannter Uberlegen- heit über alle übrigen Griechenvölker lange Zeit hindurch zu behaupten. Und so hat es denn auch bei anderen Volksstümmen, selbst bei Spartas Feinden, wie den Athenern nicht an Stimmen gefehlt, welche Sparta als das Ideal eines Staates gepriesen haben. Man denke an die Urteile des Sokrates, Xenophon und des jüngeren Cyrus. Dass es nicht an entgegengesetzten Stimmen fehlte, ist allerdings wahr. Wem fällt hier nicht das harte

¹) Plutarch, Lykurg c. 1 u. f. ²) Plutarch, Ages. c. 1.