Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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standen, ¹) als es in unserer ins Formlose und Unendliche verschwimmenden Tonkunst möglich ist, massen derselben etwas ungemein Männliches, Ernstes und Festes bei, das wohlgeeignet wäre, Kraft zur Bestehung grosser Gefahren und Mühseligkeiten zu geben und zugleich das Gemüt gegen innere Stürme zu stählen. Sie fanden in dieser dorischen Musik feierlichen Ernst und einfache Grossartigkeit, die sich nach der Seite des Harten und Strengen hinneigte und dem Unsteten, Leidenschaftlichen, Schwärmerischen entgegen- stand. Diese Strenge und Härte ihrer Musik, die schon dem späteren Altertum als düster und anmutslos erschien und unseren verweichlichten Ohren noch mehr so erscheinen würde, hielten sie, wie alles andere, was ihnen gut schien, Jahrhunderte lang starr fest und änderten nichts, bis sie sich überzeugt hatten, dass eine Neuerung auch wirklich eine Verbesserung sei. So wurde Terpander von den spartanischen Ephoren bestraft, weil er die Saiten der Lyra erst um eine und dann noch um zwei vermehrt hatte und dadurch von der früheren strengen Einfachheit der Musik abgewichen und dem dorischen Charakter nicht treu geblieben war. Erst als er viermal in den pythischen Spielen und einmal in den Karneen Spartas gesiegt und den zerrütteten Staat durch die Feierlichkeit seiner Gesänge geordnet hatte, verschaffte er seiner siebensaitigen Lyra die Weihe der Gesetze. Als aber später Phrynis noch zwei Saiten hinzufügte, schnitten die Ephoren ihm diese ohne weiteres ab. Dasselbe begegnete später dem Timotheus. ²) Er vergifte, sagten sie durch die neuen Wendungen seines Gesanges die Ohren der Jünglinge, indem er statt eines ernsten und einfachen Spiels ein weichliches und wandelbares einführe. Von den Doriern Siciliens wird erzählt, dass bei ihnen durch Einführung einer weichlichen Musik auch die Reinheit der Sitten untergraben worden sei. ³)

Der einzige Zweig der Musik, welcher bei den Doriern zu einer gewissen Blüte kam, war die chorische Lyrik. Es ist dies leicht erklärlich. Chorgesänge waren deshalb gelitten, weil das Gelingen ihrer Ausführung durchaus von der Unterordnung des Einzel- nen unter das Ganze, von der selbstverleugnenden Hingebung aller Einzelnen bei einer gemeinsamen Aufgabe abhängt. Auch hier erkennen wir also deutlich das dorische Staats- princip wieder. Aus demselben Grunde wurde Tyrtäus in Sparta aufgenommen und als Wetastein für die Seelen der Jünglinge in hohen Ehren gehalten. Was war nämlich der Inhalt seiner Gesänge? In kurzen Ausdrücken, die sich leicht dem Gedächtnisse ein- prägten, schilderten sie, wie dorische Zucht in der Haltung des Einzelnen, in geordneter Kampfweise, in rücksichtsloser Hingabe an das Ganze sich darstellen müsse, wie jede Ab- weichung von der Ordnung dem Ganzen wie dem Einzelnen Schmach und Verderben bringe.

Wenn wir jetzt zur Betrachtung der bildenden Künste bei den Doriern übergehen, so müssen wir von vornherein der irrigen Ansicht begegnen, dass die Spartaner diese nicht betrieben hätten. Sie betrieben sie ebenso gut, wie die übrigen Künste, aber sie stellten auch sie unter strenge staatliche Aufsicht. Ein gesunder Realismus prägt sich in allen ihren Werken der bildenden Kunst aus. Sie sahen auch hier mehr auf Masshalten, Beschränkung und Ordnung als auf Reiz, Anmut und Schmuck.

¹) O. Müller, a. a. O. III S. 17 u. 319. ²) Vergl. Plut. Agis c. 10. und de music. c. 42. 3) Müller, a. a. O. III S. 327.