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willen- und bewusstlos von der Strömung des Zeitgeistes dahintreiben lässt, sondern das Bestehende durch eigenes Nachdenken prüft und sondert.
Da in der folgenden Untersuchung oft von den Künsten und den schönen Wissen- schaften die Rede sein wird, so will ich von vornherein erklären, dass ich hierunter die sogenannten freien Künste verstehe, vor allem Malerei, Bildhauer-, Ton- und Dichtkunst. Es hat auch nicht an Stimmen gefehlt, welche der Wissenschaft einen nachteiligen Einfluss zuschrieben, und zwar deshalb, weil sie die Menschen eingebildet mache und sie zu sophistischem Verdrehen von Recht und Unrecht, von Tugend und Laster, von Wahrheit und Schein verführe, kurz, weil es eine allgemeine Erfahrung sei, dass mit der Bildung des Kopfes die des Herzens nicht immer verbunden sci, sondern im Gegenteil die Aus- bildung des ersteren die Verschlechterung des letzteren oft nach sich ziehe. Ich meine, diese ganze Auffassung trifft gar nicht die Wissenschaft, sondern nur die Ausartung der Wissenschaft, wie sie allerdings oft genug sich breit gemacht hat. Wo der Wissenschaft der Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit abhanden gekommen ist, wo ihr ein edler Wille und eine sittliche Gesinnung fehlt, da ist sie Scheinwissenschaft und selbstverständlich schädlich. Die Wissenschaft soll also im folgenden nicht bekämpft werden. Diese selbst ist überhaupt wohl noch von keinem Verständigen bekämpft worden; dagegen hat die Art, wie dieselbe oft betrieben wird, und das tote akademische Treiben der früheren Zeit schon von Goethe im Faust den wohlverdienten Spott erfahren.
Wenn im folgenden Kunst und Wissenschaft nicht immer scharf getrennt von ein- ander behandelt werden, so bringt dies die Anlage meiner Arbeit mit sich, nach der ich die Stimmen meiner Gewährsmänner voll und ganz laut werden lassen wollte. Was in ihnen gegen die Wissenschaft gesagt ist, habe ich nur der Vollständigkeit halber angeführt.
Auch was die Kunst anlangt, muss ich einiges zur Erklärung vorausschicken. Die Kunst war nicht von Anbeginn bei den Menschen. Auf den ersten Kulturstufen sorgte der Mensch nur für seine nötigsten Bedürfnisse. Denn wie, um ein Wort des Plato aus dem Phädrus zu erwähnen, kein Vöglein singt, wenn es hungert oder friert oder sonst ein körperliches Leid hat, so erschallt auch kein Lied des Dichters, und so entfaltet sich keine Blüte der Kunst, so lange um das nackte Leben gerungen wird. Der Mensch muss erst seinen Hunger gestillt, sich gegen Külte und Hitze geschützt haben und sich in be- haglicher Sicherheit befinden, che er anfängt sich mit der Kunst zu beschäftigen. Erst zu der Zeit, wo die Not keinen Zwang mehr übte, konnte er über das, was nützlich und notwendig war, hinausgehen und dem erwachenden Gefühl für das Schöne Rechnung tragen. Seine Einbildung fing dann an, freie Formen zu schaffen, welche den Sinnen ge- fielen und wohlthaten. Und so ist denn dem späteren Kulturmenschen die Kunst etwas durchaus natürliches. Sie ist ihm eingeboren und ein Teil seines Wesens. Seine Ein- bildungskraft will und muss wirken und schaffen, sein Verstand will und muss arbeiten und denken, wie die Augen sehen und die Ohren hören wollen.
Nun fragt es sich aber, welchen Nutzen hat die Kunst für die Sitten der Völker, welche Ausdehnung soll sie im Völkerleben einnehmen, was muss geschehen, dass sie nicht entarte.
Es ist unzweifelhaft, dass die Sitten eines Volkes auf seine Kunst von grossem Einfluss sind, dass, wenn in einem Staate die Sitten verfallen, auch die Kunst mit in Verfall gerät. Aber im folgenden soll nicht behandelt werden, welchen Einfluss die


