Aufsatz 
Stimmen gegen die Überschätzung der Kunst / vom Gymnasiallehrer Paul Primer
Entstehung
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Stimmen gegen die Uberschätzung der Kunst.

Die Natur giebt das Seiende im Nichtseienden, die Kunst das Nichtseiende im blossen Scheine. So- weit die Natur hinter der Idee, soweit bleibt die Kunst hinter der Natur zurück. Statt sie zu übertreffen, er- reicht sie sie nicht einmal und wenn die Natur schon ein Abfall vom wahrhaft Seienden ist, so ist die Kunst um so mehr ein Abfall von der Natur.

Zimmermann, Acesthetik.

Unsere Zeit nimmt die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen mit so vielen Erscheinungen in Anspruch, dass recht wichtige Fragen, welche die gesamte Menschheit berühren, nur von einer geringen Zahl einer genaueren Prüfung, einem gründlicheren Studium, einer ruhigen und besonnenen Beurteilung unterzogen werden. Hierzu gehört auch die Frage: Welchen Wert hat die Kunst für unser Kulturleben und welchen Einfluss übt die Kunst auf die Sitten eines Volkes aus? Es ist nicht die Absicht des Verfassers, ein entschei- dendes Wort in dieser schwierigen Frage sprechen zu wollen. Das Ganze, was er für jetzt beabsichtigt, ist, in aller Bescheidenheit einige Gedanken hierüber niederzuschreiben und den Nachweis zu liefern, dass es bei den verschiedensten Völkern Denker gegeben hat, welche die Künste ganz anders beurteilten, als wir es heute zu thun gewohnt sind.

Bei uns geniessen die Künste und die schönen Wissenschaften solche Verehrung und stehen in so hohem Anschen, dass derjenige, der es unternimmt, etwas gegen sie zu sagen und sie als gefährlich zu bekämpfen, sicher sein kann, wenig Glauben zu finden oder gar für einen argen Ketzer gehalten zu werden.Die Mehrzahl der Menschen folgt aber, wie schon Buckle¹) klagt,mit völliger Unterwürfigkeit dem Geist ihrer Zeit und der Geist der Zeiten ist nur ihre Wissenschaft und die Richtung, welche diese Wissen- schaft nimmt. Den wenigsten Menschen kommt es zum Bewusstsein, dass wir die Vor- züge und Errungenschaften, welche wir unserer Kultur verdanken, nur unter wesentlicher Einbusse erkaufen. Wir gewinnen allgemeine Begriffe, noch ehe wir immer die sinnlichen Anschauungen haben, aus welchen diese Begriffe entstanden sind. So wachsen wir in be- stimmten Vorurteilen auf und lernen die Dinge selten mit unseren eigenen Augen sehen. Wir sehen sie von Anbeginn an nur durch die Brille der herrschenden Denkweise. Nur wenige kommen dazu, diese Brille je völlig abzulegen. So ist es auch mit der Auffassung der Kunst. Ihre Vergötterung ist uns von klein auf so gewöhnlich, dass man den Vor- wurf der Roheit und der Unbildung auf sich ladet, wenn man sich erkühnt, ihren unbe- dingten Wert in Zweifel zu ziehen oder nur das Geringste gegen ihre Hoheit zu sagen. Und doch besteht der Adel des Menschen zum grossen Teil eben darin, dass er sich nicht

¹) Geschichte der Civilisation I. S. 186.