23 deschichte, als Worte. Auch das ist nichts Auffallendes. Wir wissen von Paulus her, dass für ihn Aussprüche Jesu unbedingt bindende Kraft hatten. Was Paulus von dem Leben Jesu wusste, war im höchsten Grade geringfügig. Ausser der Tatsache seiner Kreuzigung und was dieser unmittelbar vorausging(letztes Mahl Jesu) scheint er so gut wie nichts gewusst zu haben oder wenigstens nichts haben wissen wollen. Darüber hinaus lässt sich noch folgendes anführen: ¹) Abstammung aus dem Geschlechte Davids; Leben im Gehorsam gegen Gott, Predigt in ISrael. Das ist so gut wie gar nichts. Worte Jesu hat Paulus gekannt und angeführt. 1. Kor. 7, 10 schreibt er:„Dem Verheirateten verkünde nicht ich sondern der Herr, dass ein Weib sich nicht von dem Manne trennen und ein Mann sein Weib nicht entlassen soll.“ Matth. 19, 6, Marc. 10, 9 heisst es:„was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht scheiden“. Vgl. auch Matth. 5, 32, Luc. 16, 18. Dass der Herr geboten habe, die Verkündiger des Ev. sollten auch von dem Ev. leben, sagt Paulus 1. Kor. 9, 14, womit Matth. 10, 94, Luc. 10, 7 f. zu vergleichen ist. Aber er wird wohl noch mehr Aussprüche Jesu gekannt haben, als wir das jetzt noch zu sehen ver- mögen. In 1. Kor. 13 liegen noch solche Anklänge vor. Das Wort vom Bergeversetzen V. 2 nimmt ein Wort Jesu auf(Matth. 17, 20);„wenn ich allen meinen Besitz verteilte“(V. 3), klingt an die Geschichte vom reichen Jüngling an:„Geh hin, verkaufe deinen Besitz und gib es den Armen.“(Matth. 19, 21); in 1. Kor. 9, 19 kann man eine Parallele zu Matth. 20, 26 f. finden. Wie weit solche Aussprüche Jesu, wie sie Paulus anführt, damals schon aufgezeichnet waren, lässt sich jetzt nicht mehr sagen. Aber man wird wohl annehmen dürfen, dass die Missionstätigkeit schon frühe dazu zwang, solche Sammlungen anzulegen. ²) Auf die Worte Jesu, die der Gemeinde bekannt seien, kann daher um 96 der römische Verfasser des 1. Clemens- briefes hinweisen(13, 1), der folgende Sammlung vorlegt:„habt Erbarmen, damit man mit euch Erbarmen habe; vergebt, damit man euch vergebe; wie ihr tut, so wird man euch tun; wie ihr gebt, so wird euch gegeben werden; wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden; wie ihr freundlich seid, so wird man mit euch freundlich sein; mit welchem Mass ihr messt, mit dem wird man euch messen“. Die Aussprüche werden als Worte Jesu gegeben; sie haben ihre Parallelen in der Bergpredigt(Matth. 6, 74 f.; 7, 1 f. 12; Luc. 6, 31; 36 ff.), stimmen aber mit deren Text nicht überein.¹) Nicht anders steht es mit dem Wort 46, 8, das ebenfalls als Wort Jesu aus- drücklich bezeichnet ist:„Wehe jenem Meuschen; es wäre gut für ihn, wenn er nicht geboren wäre als dass er einen von meinen Auserwählten ärgere; es wäre besser für ihn, wenn ihm ein Mühlstein umgelegt und er in das Meer versenkt würde, als dass er einen von meinen Aus- erwählten verwirre.“ Man kann auf Matth. 26, 24 und Parallelen, sowie auf Luc. 17, 2 und Parallelen verweisen. Aber an keiner dieser Stellen liegt der Wortlaut unseres Ausspruches vor. An ein freies Zitat ist nicht zu denken; denn wenn Clemens das Alte Testament anführt, zitiert er genau. Daher muss man annehmen, dass er auch die Worte Jesu nicht minder genau zitiert habe. Hat er das getan, so lag ihm aber eine von den kanonischen Evv. verschiedene Quelle vor, die Herrnsprüche in ähnlicher, aber abweichender Gestalt enthielt. Darüber, welches diese Quelle gewesen sein möchte, lässt sich keine gegründete Vermutung mehr äussern. Aber das lässt sich allerdings noch sagen, dass man Sammlungen von Aussprüchen Jesu bereits
¹) Paret, Paulus u. Jesus, Jahrb. f. deutsche Theol. 1858, S. Iff. Keim, Gesch. Jesu I, S. 35 ff. Roos, Die Briefe d. Apostels Paulus u. d. Reden Jesu. Ludwigsburg 1887. Drescher, Das Leben Jesu bei Paulus, Festgruss f. Bernh. Stade, Giessen 1900, S. 99 ff. Zahn, Einl. in d. NT. II, S. 167.
²) Act. 20, 35 setzt wohl eine solche Sammlung voraus.
³) Vgl. die ähnliche Zusammenstellung von Herrnsprüchen bei Polykarp 2, 3:„richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet; vergebt, und es wird euch vergeben werden; habt Erbarmen, damit man mit euch Erbarmen habe; mit welchem Mass ihr messt, wird euch wieder gemessen werden.... Selig sind die Armen und die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihnen gehört das Gottesreich.“


