„Evangelium nach, bei den Hebräern“ analog sei.¹) Er hat daraus weiter geschlossen, dass beide Bezeichnungen in Agypten entstanden seien, jene als Umschreibung für das bei den Heidenchristen in Agypten übliche Ev., dies für das von den Judenchristen gebrauchte. Er hat ferner vermutet, dass jenes das einzige, von den Heidenchristen gebrauchte Ev. gewesen sei, wie dieses das einzige, dessen sich die Judenchristen bedienten. Der Schluss ist inder Tat zwingend, und Bardenhewers Widerspruch ist recht ungeschickt begründet. ²) Nur darin wird Harnack nicht recht haben, wenn er meint, die Bezeichnung werde in Kgypten entstanden sein. Es ist auch noch eine andere Deutung möglich, und sie wird durch den Gegensatz„Hebräer“ und„Agypter“ nahegelegt. Denn an für sich ist nicht einzusehen, warum unter„Agypter“ gerade nur die heidenchristlichen Agypter verstanden sein sollen. Man kann wohl mit mehr Grund an die jüdische Allegoristik denken, wonach Agypten für die Juden gleichbedeutend mit Abgötterei, Heidentum, Sünde ist. Unter Agypten verstand man geradezu die„Welt“. ³) Das „Ev. nach, bei den Agyptern“ bezeichnet also mit einer bissigen, judenchristlichen Vergleichung ursprünglich einfach das bei den Heidenchristen gebräuchliche Ev., ganz ohne Rücksicht auf das Verbreitungsgebiet. Dies Ev. war daher nicht nur bei den ägyptischen Christen in Gebrauch, sondern als einziges Ev. auch in Rom oder Korinth(2. Clemens), in dem hellenistischen Syrien, wenn anders Julius Cassianus dort lebte⁴), und wahrscheinlich auch sonst noch, wo Heiden- christen wohnten. Dies Evangelium aber teilte, wie es scheint, fast keine evangelische„Ge- schichte“ mit, sondern nur Worte des Herrn. So erklärt es sich, dass man in Kleinasien, wo man es im 2. Jahrhundert auch noch gebraucht haben wird, in Bezug auf die Osterfeier eine mit der kanonischen Uberlieferung in unvereinbarem Widerspruch stehende Sitte der Osterfeier bewahren konnte, dass man am 14. Nisan, dem Rüsttag der Juden, Tod und Auferstehung Jesu zugleich beging.5) Das war doch nur möglich, wenn man die apostolische Überlieferung, auf die man sich berief, nicht in Konkurrenz wusste mit dem Evangelium. Wären die kanonischen Eyv. dort in Geltung gewesen, oder hätte überhaupt in dem in jenen Gegenden gebrauchten Evangelium ein den kanonischen Evv. entsprechender Leidensbericht gestanden, so wäre der Streit rasch genug zu schlichten gewesen. Leider sind uns die Urkunden des Streites nicht mehr erhalten, so dass sich nicht mehr ausmachen lässt, wie man sich bei den Verhandlungen mit diesem Punkt abgefunden hat.
Diese Ergebnisse führen uns zu einem wichtigen Punkt. Wir finden eine Zeit in der Kirche, in der es noch nicht eine Vielheit von Evangelien gab, sondern in der nur je ein einziges bei den verschiedenen Gruppen der Christenheit in Gebrauch war. Für die Heiden- christen haben wir in dem Agypterev. dies eine Ev. gefunden. Dies Ev. enthielt aber weniger
¹) Über den Gebrauch von xοτ⁴ in dem Titel der Evv. hat Zahn, Einleit. II,§ 49 mit gewohnter Ge- lehrsamkeit gehandelt, ohne die Sache recht klarstellen zu können. Mir scheint, dass die Titel einfach analog den älteren Bezeichnungen soονπsον νπαανστνꝗν‿ Atεποασνtiοο, 7˙ν'%' ESaiovc gebildet sind. Als die älteren anonymen Evv. durch solche mit Verfassernamen verdrängt wurden, behielt man die übliche Form bei. In Verbindung mit einem Völkernamen hat das xοτ seine gute Bedeutung; es heisst dass sie„bei“ ihnen in Gebrauch waren: Wenn Zahn meint, die Benennung habe sich aus solchen Ausdrücken entwickelt, wie:„nach Matthäus hat der Herr gesagt“ u. ä.(a. a. O. S. 173), so ist das künstlich und erklärt den Titel nicht. Zudem müsste er doch auch nachweisen, dass diese Ausdrucksweise in der ältesten Zeit geläufig war, was ihm nicht leicht fallen dürfte.
²) Bardenhewer, Gesch. d. altchr. Lit. I, S. 387, Anm. 1.
³) Clemens Alex., Strom. I, 30,„Agypten wird allegorisch auf die Welt gedeutet.“ Andere Stellen
habe ich in meiner Schrift Zwei gnostische Hymnen 1904, S. 49 gesammelt. Vgl. noch Buch d. Jubil. 7, 13. Ps. Clement., hom. IV, 23. X, 16 ff.
⁴) So Zahn, Gesch. d. neutest. Kanons II, 635 f. 749 f. Harnack, Chronol. I, 535 sucht ihn in Agypten.
¹) Vgl. meinen Artikel„Passah, altkirchliches“ in Herzog-Hauck, Prot. Real-Enzyklopäd. f. Theol. u. Kirche XIII, S. 726 ff.


