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am Ende des 1. Jahrhunderts besessen und benutzt hat. Aus der Benutzung dieser Sammlungen erklärt sich, dass über das Leben Jesu und über seine Taten fast nie geredet wird. Allein sein Tod schien einiges Interesse für die Christen gehabt zu haben; das andere schien spurlos ver- lorengegangen zu sein.
Im Agypterev. haben wir, wenn nicht alles trügt, eine solche Sammlung von Worten Jesu vor uns. Sie scheint schon Lucas vorgelegen zu haben und einzelne Aussprüche haben auch Eingang in andern Evv. gefunden. Als Grundlage für die Missionspredigt hat man sie benutzt, als„das Evangelium“ ist sie in den Gemeinden gelesen, in den Predigten verwandt worden. Die Überlieferung, die in ihr vorliegt, stellt einen Zweig der evangelischen Tradition dar, der mit den Evangelien des Kanons in Parallele gesetzt werden muss. Trotzdem ist diese Quelle versiegt. Man hat gefragt, wie das möglich gewesen sein könne.¹) Die Antwort ist nicht schwer zu geben. Die Sammlung scheint keinen Namen gehabt zu haben. Es waren Aussprüche des Herrn; von wem sie gesammelt waren, wurde nicht gesagt. Wäre es gesagt gewesen, so hätte sich der Name„Ev. nach, bei den Agyptern“ nicht durchsetzen können. Die Evangelien aber trugen Namen an der Spitze, und zwar solche von Aposteln oder Apostelschülern. Das war für eine autoritätsgläubige Zeit eine bessere Empfehlung. Ferner war die Sammlung ohne bestimmtes Einteilungsprinzip veranstaltet. Die Worte waren einfach aus der Erinnerung auf- gezeichnet und nebeneinandergestellt, wie es sich gerade fügte. Es konnten leicht Worte hin- zugefügt werden, die den Wünschen einzelner Richtungen in der Kirche Rechnung trugen. Da war es geratener, sich an diejenigen Zusammenstellungen zu halten, die eine bestimmte Ordnung einhielten, und deren Worte weniger Dunkelheiten aufwiesen, daher weniger Missdeutungen aus- gesetzt waren als diese. Endlich: das Agypterev. war von Sekten bevorzugt worden, die ihre Meinung begründet hatten mit Aussprüchen Jesu; dicese Aussprüche aber fanden sich darin. Das musste stutzig machen. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn man aus allen diesen Gründen nicht den Gebrauch dieser uralten Quellen verworfen und sich an die Schriften gehalten hätte, die diesem Missbrauch nicht in demselben Masse ausgesetzt waren.
Man konnte auch um so leichter auf ihren Gebrauch verzichten, weil auch die in der Kirche nun bevorzugten Evangelien zahlreiche der dort mitgeteilten Worte Jesu enthielten; weil man einzelne Worte, vielleicht auch ganze Abschnitte dieser alten Sammlung ihnen einverleibt hatte, so dass fast kein Bedürfnis für eine gesonderte Überlieferung mehr zu bestehen schien. Die Evangelien waren zudem reicher an Erzählungsstoff, sie versuchten eine Geschichte Jesu zu geben und nicht nur Material für eine Lebhre Jesu. Zudem war in ihnen alles Bedenkliche, alles, was dunkel und geheimnisvoll klang, so dass es leicht missdeutet werden konnte, ausge- merzt. Ein Missbrauch durch die Sekten war, wenn nicht ausgeschlossen, so doch wesentlich erschwert. Harnack sagt von dem Evangelium der Agypter: ²)„Ein Stück einer fast unbe- kannten Urgeschichte der Evangelien liegt in dem Titel„Agypterev.“: Die Verdrängung eines in Agypten älteren Evangeliums durch das eba†εμαον ter,ꝓo“. Ich möchte weitergehen und sagen: es liegt in dem Titel die ältere Stufe der Traditionsbildung vor. Ein einziges Evangelium, das als ausschliessliche Quelle für die Lehre Jesu bei den„Agyptern“, d. h. bei den Heiden gebraucht wird, und das nichts enthält als Worte Jesu, ist„das“ Evangelium,„die“ Verkündigung der Heilsbotschaft. Wie es dazu kam, dass dieses ins Evangelium aus dem Gebrauch verdrängt wurde, lässt sich noch begreifen. Wie es aber kam, dass es durch ein viergestaltiges Evangelium verdrängt wurde, ist hier nicht mehr zu untersuchen.
¹) Esser, Die neuaufgefundenen„Sprüche Jesu“ Katholik 1898, I, S. 144 f. Anm. ²) Harnack, Chronologie I. S. 614.


