Aufsatz 
Zur Vorgeschichte des Evangelienkanons
Entstehung
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entlehnt habe. Auch Matth. 10, 16 bietet das Wort in derselben Form wie Luc. und knüpft die Warnung vor den Menschen daran. Diese Warnung schliesst ab mit einer ähnlichen Mahnung, wie wir sie auch in dem Agypterevangelium finden.Fürchtet euch nicht vor ihnen; denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde, und nichts heimlich, was nicht bekannt werde. Und was ihr ins Ohr hört, das verkündigt auf den Dächern; was ich euch im Dunkeln sage,. das redet im Licht. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht zu töten vermögen; fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele in die Hölle ninein verderben kann. Es ist sehr wenig wahrscheinlich, dass der Verfasser des Agypter- evangeliums aus den Stellen bei Matthäus, denen man eine besonders klare Disposition nicht nachrühmen kann, ¹) sich seine in sich geschlossene kleine Episode sollte zurechtgemacht haben. Die Khnlichkeit mit Matthäus springt ja in die Augen. Bei beiden ist von den Anfeindungen. durch die Menschen die Rede. Die den Christen feindlichen Menschen sind wie Wölfe, die Christen unter ihnen wie Schafe. Durch die Verbindung mit der Aussendungsrede hat das Wort bei Matthäus und Lucas die ungeschickte Spitze erhalten: ich sende euch wie Schafe. Schafe sendet man nicht, sondern der Hirte begleitet sie. Sie können freilich unter die Wölfe geraten, denn in Palästina ist der Wolf häufig, und jeder Herdenbesitzer weiss von dieser Gefahr zu reden. Daher heisst es im Agypterevangelium ganz richtig:Ihr werdet sein wie Schafe. Petrus macht dazu die treffende Bemerkung: die Schafe können abet zerrissen werden. Freilich sagt Jesus; aber was schadet's? Die Wölfe können die Schafe wohl töten; so können die Menschen euch im schlimmsten Falle töten; aber dann ist ihre Macht zu Ende. Habt ihr aber aus Menschenfurcht Gott verloren, so ist Leib und Seele dahin. Die Quelle dieser Geschichte ist also keines Falls das Matthäusevangelium. Vielmehr ist anzunehmen, dass entweder beide aus einer und derselben Quelle geschöpft haben, oder dass das Matthäusevangelium die Worte Jesu dem Agypterevangelium entnommen, ihres Zusammenhanges entkleidet und einzeln an den ihm geeignet scheinenden Stellen verwendet hat.

Ahnlich liegt der Fall bei einem andern Stück(2. Clem. 8, 5): Der Herr sagt in dem Evangelium:Wenn ihr das Kleine nicht bewahrtet, wer wird euch das Grosse geben? Denn ich sage euch, wer im Kleinsten treu ist, ist auch im Grossen treu. Die zweite Hälfte des Zitats stimmt mit Matth. 25, 21. 23 und Luc. 16, 10 ungefähr überein. Bei Matth. bildet das Wort ein Stück von dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden. Die beiden Sklaven, die ihres Herrn Gut vermehrt haben, werden mit den Worten belobt:Wohl, guter und treuer Knecht; über wenig warst du treu, über viel werde ich dich einsetzen. Das ist nur ein ähnlicher Ge- danke; an direkte Verwandtschaft braucht man nicht zu denken. Luc. hat das Wort bei dem Gleichnis vom ungerechten Verwalter. Lucas fügt dem Gleichnis zwei Schlüsse zu, von denen einer zuviel ist. ²) Der zweite, der zu dem Gleichnis gar nicht passt, lautet:Wer im Kleinsten treu ist, ist auch im Grossen treu; und wer im Kleinsten ungerecht ist, ist auch im Grossen un- gerecht. Wenn ihr also in dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch dann das Wahre anvertrauen, und wenn ihr mit fremdem Gut nicht treu seid, wer wird euch dann das unsere geben? Wie bei solcher Moral ein ungerechter Haushalter belobt werden kann, ist schwer einzusehen. Lucas hat, wie man aus dem Zusammenhang bereits vermutete, aus einer andern Quelle noch etwas angefügt. Die Stelle aus dem Agypterevangelium zeigt den Weg.

¹) Der Gedankengang ist: fürchtet euch nicht, sondern redet frei heraus. Fürchtet euch nicht vor den Menschen, sondern vor Gott. Das sieht so aus, als ob gleichartige Sprüche hier gesammelt seien, eine Be- obachtung, die man ja bei Matth. öfter machen kann. S. bes. die Bergpredigt.

²) Vgl. Jülicher, Gleichnisreden II, S. 507 ff. 512 f. Meyer-Weiss zu Luc. 16, 10. Holtzmann, Hand- Kommentar z. d. St.