12 der ältesten christlichen Kirche ansehen darf. Die Worte klingen freilich sehr enkratitisch; aber gerade das ist ein Zeichen für ihr hohes Alter.
Auch das andere, dem Agypterevangelium ausdrücklich¹) zugewiesene Wort Jesu„ich bin gekommen, um aufzulösen die Werke des Weibes“ gehört demselben Zusammenhang an. Clemens von Alexandria, der das Wort überliefert hat, erklärt richtig, dass darunter die Geburt und die Vergänglichkeit zu verstehen sei. Ob das Wort im Zusammenhang mit der eben be- sprochenen Geschichte gestanden hat oder nicht, lässt sich nicht mehr ausmachen. Wenn es damit verbunden gewesen wäre, so würde das beweisen, dass Clemens nur eine einzige Perikope des Evangeliums verwertet hat. Das Wort selbst ist genau analog dem Wort Matth. 5, 17 ge- bildet: 7.-dov ³τοαννπν /wαι έημμα 1τ0 ͤ-eiac steht vollkommen parallel dem 7.-oy zaaaut toy vHOv ro« Ogthrac. Die Verbindung von ë /εοι mit dem Infinitiv findet sich in den Evan- gelien häufig Matth. 9, 13. 10, 34 f. 18, 11. Mark. 1, 24. 2, 17. 5, 14. 10, 45. 15, 36. Luc. 4, 34. 5, 32. 9, 56 u. ä..
Leider haben wir ausser diesen beiden Bruchstücken nichts, was mit deutlicher Be- zeichnung diesem Evangelium zugewiesen würde. Dagegen findet sich in einer Schrift, die irrtümlich den Namen des Clemens von Rom trägt, ein Zitat ohne genauere Angabe, das sich mit einem Teile des oben genannten Gespräches mit Salome fast wörtlich deckt. Es heisst da: ²) „Denn als der Herr selbst von jemand gefragt wurde, wann sein Reich komme, sprach er: „Wenn die zwei Eins werden und das Kussere wie das Innere und das Männliche mit dem Weiblichen, weder Männliches noch Weibliches“. Man hat daraus geschlossen, dass in dem in Rede stehenden Schriftstück, einer Predigt eines unbekannten Verfassers, ³) auch die andern eigentümlichen Herrnworte demselben Evangelium zuzuweisen seien. ⁴¹) Die einzelnen Zitate zeigen alle dieselbe Eigentümlichkeit. Sie enthalten sämtlich Worte Jesu, die mit N1&.†εε 5 τνμεοςσ,“S st Tpap-h oder ähnlich eingeführt werden. An einer Stelle haben wir auch ein Gespräch zwischen Jesus und Petrus(5, 2 ff.):„Der Herr sagt: Ihr werdet sein wie Schafe mitten unter den Wölfen“. Petrus antwortete und sprach zu ihm:„Wenn nun die Wölfe die Schafe zerreissen? Da sprach Jesus zu Petrus: Die Schafe, wenn sie tot sind, brauchen die Wölfe nicht mehr zu fürchten. Auch ihr fürchtet nicht diejenigen, die euch töten und euch doch nichts zu tun ver- mögen, sondern fürchtet den, der nach eurem Tode Macht hat über Seele und Leib, sie in die Hölle zu werfen“. Die einzelnen Bestandteile des Spruches finden sich mehr oder minder genau auch in unsern Evangelien. Der erste Satz steht fast wörtlich bei Luc. 10, 3:„Siehe ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe“. Aber das Folgende, die Instruktion über die Ausrüstung der Jünger, will schlecht zu dem Anfang der Rede passen. Die Instruktion findet sich auch bei Matth. 10, 9 ff. und bei Mark. 6, 7 ff. Bei beiden fehlt das Wort von den Schafen und Wölfen. Daher wird man schwerlich sagen können, dass das Agypterevangelium die Worte aus Lucas
¹) Clemens Alex., Strom. III, 9, 63; vgl. meine Antilegomena S. 2, Nr. 6.
²) Clemens 12, 2; s. meine Antilegomena S. 21.
³) Harnack hat als solchen den römischen Bischof Soter vermutet, so dass sie um 170 n. Chr. abge- fasst sein müsste(Chronologie I, S. 438 ff. Zeitschr. f. d. neutest. Wissenschaft 1905, S. 68 ff.). Doch stehen der Annahme noch manche Bedenken im Wege; vgl. Bardenhewer, Gesch. d. altchr. Litterat. I, S. 109 f.
*) Die Frage ist zuletzt ausführlich erörtert worden von Harnack, Chronologie I, S. 216 ff. Zahn hat die Zugehörigkeit zu bestreiten gesucht(Gesch. d. neut. Kanons II, S. 628 ff.), aber mit äusserst schwachen Gründen. Mit seiner Methode wäre es ein Leichtes, zu beweisen, dass der Lucas des Codex D und der der anderen Handschriften zwei grundverschiedene Bücher sind, die gar nichts miteinander zu schaffen haben. So- lange man nicht beweisen kann, dass 2 Clem. 12, 2 nicht aus dem Agypterev. stammt, hat man einfach bei der Identität stehen zu bleiben, trotz des Uberschusses von 6 Worten(·¹ν/t? EE 6& Th 5000) bei Clem. Dann aber darf man unbesorgt auch die andern Zitate, die„dem“ Evangelium(2 Clem. 8, 5) entnommen sind, derselben Schrift zuweisen.


