11 hannes und Jakobus, identisch.(Vgl. Marc. 16, 1 mit Matth. 27, 56). Sie wendet daher mit leichter Ironie ein, dass es denn ja wohl besser gewesen würe, wenn sie keine Kinder bekommen hätte. Da ihre beiden Söhne zu den bevorzugten Jüngern Jesu gehören, kann sie wohl an- nehmen, dass Jesus die Konsequenzen aus seinem Wort nicht ziehen werde. Jesus wehrt ab. Man kann jede Pflanze essen, nur die bittere, giftige soll man stehen lassen; denn sie bringt den Tod. Nicht das geschlechtliche Leben an sich ist verwerflich, sondern nur der Missbrauch. ¹) Salome fragt nun, wann denn das, was Jesus in Aussicht stellt, eintreten werde. Diese Frage steht im Mittelpunkt des Interesses. Um auf sie Antwort zu geben, sind die spätjüdischen Apo- kalypsen mit ausführlichen Schilderungen der Vorzeichen und Anzeigen des Endes angefüllt, Schilderungen, die auch in den Evangelien ihre Parallelen haben. Jesus antwortet mit sehr dunkeln Worten.„Wenn ihr das Gewand der Scham zertreten werdet.“ Der Ausdruck„Ge- wand der Scham“ ist nach dem hebräischen Sprachgebrauch zu erklären.„Anziehen“ gebraucht der Jude— und derselbe Gebrauch findet sich-häufig im Neuen Testament— auch von Eigen- schaften in dem Sinn der Annahme von solchen. So kann man auch vom„Gewand der Ge- rechtigkeit“ reden(Hiob 29, 11). Wie Ps. 35, 26 gesagt ist:„sie sollen sich in Scham und Schande kleiden“, oder 109, 29„von der Schande wie von einem Mantel umhüllt sein“ oder 132, 18„seine Feinde will ich in Schande kleiden“, so ist hier der Ausdruck„Gewand der Scham“ gebraucht. Das„Gewand der Scham mit den Füssen treten“ ist eine kräftige Be- zeichnung für das Aufgeben jeder falschen Scheu. Wenn jede sinnliche Lust, jeder sündhafte Gedanke, jede Begierde geschwunden ist, dann wird das eintreten, was Jesus gesagt hat. Man wird an die Bergpredigt erinnert mit ihrem ernsten Wort:„Wer ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, der hat schon in seinem Herzen die Ehe gebrochen“(Matth. 5, 28). Dabei muss man sich, um dem Worte des Agypterevangeliums seine volle Bedeutung zu geben, gegenwärtig halten, dass sich die orientalische Frau nur tief verschleiert öffentlich zeigen darf. Den Grund dafür darf man in der starken sinnlichen Begierde des Orientalen erblicken. Durch sie musste eine derartige Sitte geboten erscheinen, wie sie auch heute noch mit aller Strenge festgehalten wird. Ist die Begierde nicht mehr vorhanden, so ist auch die Verschleierung, das„Gewand der Scham“ nicht mehr nötig. Auf derselben Linie stehen auch die folgenden Sätze. Wenn zwei eins werden, wenn die Unterschiede zwischen Mann und Frau aufhören, dann kommt das Ende. Man braucht hier nicht an die neupythagoreische Lehre zu denken, wie Esser tut, ²) wenn er dazu bemerkt:„In den letzten Worten spricht die pythagoreische Schule, welche die Eins und die Zwei, das Männliche und das Weibliche, in ihrer Kategorientafel hatte und die Grundan- schauung, welche die Naturerklärung trägt, auch zur Basis für die Erklärung der sittlichen Welt machte“. Zahlenspekulationen waren damals so allgemein üblich,³) dass man für diese Formel doch nicht lange nach einer Quelle zu suchen braucht. Von pythagoreischen Spekulationen wird man also hier nicht viel finden können, wohl aber von einer Anschauung, die auf das stärkste bei Paulus ausgeprägt ist, die in den Evangelien in dem Worte Jesu Matth. 22, 30, Marc. 12, 25, Luk. 20, 35 deutlich ausgesprochen liegt und die in der christlichen Literatur der zwei ersten Jahrhunderte sorüberaus klar zum Ausdruck kommt, dass man sie getrost als ein Allgemeingut
¹) Das Wort Jesu klingt wie ein Sprichwort. Da auch sonst Jesus dem Gebrauch von Sprichwörtern nicht aus dem Weg gegangen ist(vgl. Luc. 4, 23), wird man darin nichts Auffallendes finden können. Die von Resch Agrapha S. 195 ffl. gegebene Auslegung der Worte ist ganz verkehrt.
²) Esser im Katholik 1898, I, S. 143.
³) Man braucht nur die Apokalypsen aufzuschlagen, um das zu erkennen. Die ganze Welt, nicht nur die Pythagoreer, gab sich mit solchen Dingen ab. Zudem ist der in dem Wort ausgesprochene Gedanke so spezifisch semitisch und dem ganzen religiösen und sittlichen Denken des semitischen Heidentums so deutlich entgegengesetzt, dass man nicht nötig hat, den Pythagoreismus heranzuziehen, auch wenn man für ausgemacht hält, dass dieser keine semitischen Elemente aufweist.
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