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was das Evangelium enthielt, kann man nur allgemeine Vermutungen aufstellen, ohne doch irgend etwas durchschlagend beweiseu zu können. Denn es ist nur eine Stelle genauer bekannt. ¹) Aus Epiphanius wissen wir, dass sich die Sabellianer der Schrift bedienten, weil in ihr geheimnis- volle Worte standen, die zu beweisen schienen, dass Jesus selbst die Identität von Vater, Sohn und Geist gelehrt habe. Wie weit die sabellianischen Exegeten den Worten Gewalt antaten und ihre eigene Dogmatik in die benutzten Schriftworte hineintrugen, lässt sich nicht mehr er- messen. Nur das geht daraus hervor, dass in der Schrift geheimnisvolle Worte überliefert waren, und zwar Worte Jesu selbst.²) Mit dieser allerdings höchst unzureichenden Charakteristik stimmt auch die einzige Stelle, die wir mit Sicherheit dem Evangelium zuweisen dürfen. ³) Es ist ein Gespräch, das Jesus mit Salome hatte. Jesus hatte vom Ende gesprochen. Da fragte Salome: „Wie lange werden die Menschen sterben?“ Jesus antworfete:„Solange als die Weiber ge- bären.“ Da sagte Salome:„Also hätte ich wohl recht daran getan, wenn ich keine Kinder geboren hätte.“ Jesus antwortete:„Iss von jeder Pflanze; nur von der bitteren iss nicht.“ Als Salome fragte, wann das geschehen werde,*) wovon die Rede sei, antwortete Jesus:„Wenn ihr auf das Gewand der Scham zertretet und wenn zwei eins sind und das Männliche mit dem Weib- lichen, weder Männliches noch Weibliches.“ Clemens verfehlt nicht hinzuzusetzen, dass die Ge- schichte nicht in den„überlieferten“ vier Evangelien stehe, sondern in dem Agypterevangelium. Man sieht aber aus diesem einen Wort, wie richtig das Urteil des Epiphanius ist, dass in diesem Evangelium im Munde Jesu viele dunkle Reden erschienen. Denn so klar auch an sich der Ge- dankengang des Gespräches ist, so wenig deutlich und sicher zu erklären sind die Einzelheiten. Es ist wichtig, dabei einen Augenblick zu- verweilen.
Jesus redete vom Ende(xsœi otsxsiac Bebedαv roςᷣ o X6oo). Damit wird wohl die 2ovCHXeAh o oe das Ende der gegenwärtigen Weltperiode“ zu verstehen sein, von der Matth. 13, 39 f. 24, 3. 28, 20. Hebr. 9, 26 die Rede ist. Die Frage nach dem Zeitpunkt des Endes, den Zeichen, unter denen es eintreten werde, den Vorgängen, die sich dabei abspielen sollten, hat nicht nur das Judentum zur Zeit Jesu lebhaft bewegt,5) sondern ist auch in den Jüngerkreisen eifrig diskutiert worden.⁰) So ist die Frage der Salome verständlich.„Wie lange werden die Menschen noch sterben?“ Das heisst, wann kommt die neue Weltzeit, in der es keinen Tod mehr gibt? Der Gedanke, dass es im Himmelreich kein Sterben gibt, ist bei den Juden ebenso verbreitet gewesen wie bei den Christen. Jesus antwortet darauf, dass es ebenso lange Tod geben wird, wie es eine Geburt gibt. Tod und Geburt hängen zusammen; sie sind in der Natur des menschlichen Leibes begründet. Die Antwort Jesu geht also darauf hinaus, dass eine Unsterblichkeit erst dann möglich ist, wenn es für den Menschen keine Leiblichkeit mehr gibt; ein Gedanke, der ausführlich von Paulus 1. Kor. 15 erörtert wird. Paulus sagt mit andern Worten dasselbe, wie Jesus im Agypterevangelium, wenn er 1. Kor. 15, 50 erklärt: „Fleisch und Blut kann das Reich Gottes nicht erben, und das Vergängliche erbt nicht die Unvergänglichkeit“. Salome ist wohl sicher mit der Frau des Zebedäus, der Mutter des Jo-
¹) Die Stellen habe ich in meinen Antilegomena S. 2 f. zusammengestellt.
²) Epiphanius, haer. 62. 2: y a⁵ ετεν m1υ mμο⁴ todοa o‿ρας☚ οοαινmõpοεεν⁵ ς]& o- 36 TO5 OX dvd*ρενεεα. Das H.O,OSGF ist als Glossem zu y αeρα⁴αροοι zu streichen.
³) Die Stellen sind aus Clemens Alex., Strom. III, 64. 66. 92 zusammenzulesen.
*) Bei Clemens Strom. III, 92 heisst es xörs ονεε οsa r3. Tet dv hpero. Dazu will die Antwort nicht recht stimmen. Es handelt sich ja nicht um das Bekanntwerden der Tatsache, sondern um das Eintreten. Also ist wohl statt Tvναε εαι zu lesen Tsvhoecat. Dann stimmt die Antwort zu der Frage. Vgl. Zahn, Gesch. d. neutest. Kanons II, S. 634, A. 3.
⁵) Vgl. Bousset, Religion d. Judentums S. 229 ff.
²) Luc. 17, 20 ff. Die letzten Reden Jesu beschäftigen sich fast ausschliesslich mit solchen Gedaunken.


