Aufsatz 
Zur Vorgeschichte des Evangelienkanons
Entstehung
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es nach Irenäus scheinen könnte. Nicht nur die Sekten gingen vielfach ihre eigenen Wege, auch die Kirche selbst duldete Abweichungen von dem Kanon. Auf den Gebrauch des Petrus- evangeliums zu eben dieser Zeit in kleinasiatischen Gemeinden ist schon hingewiesen. Der Bischof Serapion schrieb am Ende des 2. Jahrhunderts an eine kleinasiatische Gemeinde¹):Wir nehmen, liebe Brüder, sowohl Petrus als auch die andern Apostel auf wie Christus. Die Schriften aber, die unter ihrem Namen erdichtet sind, lehnen wir als erfahrene Leute ab, denn derartige Dinge sind uns nicht überliefert worden. Als ich bei euch war, nahm ich an, dass alle dem rechten Glauben anhingen, und deshalb sagte ich, ohne das von ihnen vorgelegte Evangelium, das den Namen des Petrus trug, durchzusehen: weon es dies allein ist, was euch Kummer macht, so mag es gelesen werden. Nun aber, da ich erfahren habe, dass sich ihr Sinn aus meinen Worten einen Unterschlupf für eine Ketzerei gemacht hat, will ich mich beeilen, wieder zu euch zu kommen. Erwartet mich also in Kürze. Der Tatbestand ist der, dass Serapion in Rhossus bei seiner Anwesenheit davon hörte, man lese auch das Petrusevangelium. Da er darauf drang, dass man sich an die kirchlichen Evangelien halte, so entstand in der Gemeinde darüber Verstimmung. Man wollte das unter der Autorität eines apostolischen Namens stehende Evangelium nicht so ohne weiteres preisgeben. Da der Bischof merkte, dass vielen das Herz an dem Buche hing, gab er nach und gestattete die Benutzung, ohne sich von dem Inhalt des Evangeliums zu über- zeugen. Erst später wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass die Schrift Ketzereien Vor- schub leiste, und daraufhin zog er sein früheres Zugeständnis wieder zurück. Der Vorfall zeigt, dass man in Kleinasien zu dieser Zeit offiziell nur den Kanon der vier Evangelien anerkannte, dass daneben aber im Privatgebrauch einzelner Kreise auch noch andere Evangelienschriften benutzt wurden, und dass man unter Umständen diese Benutzung duldete. Solange die Schriften ihrem Inhalt nach harmlos waren, konnte man sie sich gefallen lassen und bewies eine gewisse Weitherzigkeit. Sobald sich aber herausstellte, dass dadurch Irrlehren befördert wurden, duldete man sie freilich nicht mehr. Trotzdem gelang es nicht, sie ganz zu verdrängen. Noch Origenes weiss von Leuten, die annahmen, dass die in den Evangelien genannten Brüder Jesu ²) aus einer früheren Ehe des Joseph stammten, und die sich für diese Annahme auf das Petrusevangelium beriefen. ²) Auch in Agypten war die Schrift bekannt. Noch im 8. Jahrhundert hat man aus ihr die Geschichte von dem Tod und der Auferstehung Jesu abgeschrieben. ¹) Aber trotz dieser Spuren einer längeren Benutzung lässt sich aus keinem Anzeichen mehr schliessen, dass dies Evangelium je im kirchlichen Gebrauch gewesen ist. Man las es zur Erbauung, wie man die zahllosen Apostelromane las und wie man später die Märtyrerlegenden und Heiligengeschichten benutzte. Aber davon, dass man je eines dieser Bücher zu den gottesdienstlichen Vorlesungen verwandt hätte, kann keine Rede sein.

Nicht viel anders steht es mit andern Evangelien, von denan sich noch Spuren erhalten haben. So hat man noch im 2. Jahrhundert in Alexandria ein Evangelium besessen, das den Namen Kar' Aboxriooc führte. Dass dies nicht sein wirklicher Titel gewesen ist, sondern nur eine Aufschrift, deren Bedeutung weiter unten zu erörtern ist, kann nicht bezweifelt werden. Epiphanius, der sonst keine besonders reine Quelle für solche Nachrichten ist, hat in diesem Falle doch ohne Zweifel recht gehabt, wenn er sagte, dass ihm manche Leute diesen Namen gäben.) Welchen Titel die Schrift überhaupt führte, lässt sich gar nicht mehr ausmachen. Auch darüber,

¹) Euseb., h. e. VI, 12, 2 ff. ²) S. Marc. 3, 31 c. Parall. 6, 3. ³) Origenes, Matthäuskomment. X, 17 ) O. v. Gebhardt, D. Evangelium u. die Apokalypse des Petrus. Leipzig 1893, S. 13 f. ³) Epiphanius, haer. 62. 2: A/% roD 12NO05,6vO Alorloo S1SNio, c dysc rd SvO nεv 100 o. Mit dem Arrενον 8505XO meint er die sonst νε Ai-rrio genannte Schrift. 2