Aufsatz 
Zur Vorgeschichte des Evangelienkanons
Entstehung
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In ähnlicher Weise wie Irenäus hat sich auch Origenes über die Vierzahl der Evan- gelien geüussert: ¹)Als Uberlieferung über die vier einzigen Evangelien, gegen die sich in der auf der Erde zerstreuten Kirche Gottes kein Widerspruch erhoben hat, habe ich erfahren, dass zuerst dasjenige geschrieben wurde, dasnach dem ehemaligen Zöllner und späteren Apostel Jesu Christi Matthäus genannt ist; er hatte es herausgegeben für die, die aus dem Judentum zum Glauben gelangt waren, und es war in hebräischer Sprache abgefasst. Das zweite habe Markus so verfertigt, wie es ihm Petrus erzählte; dieser bekenne sich in dem allgemein ange- nommenen Briefe zu ihm mit den Worten:Es grüsst euch die Erwählte in Babylon und Markus, mein Sohn. Das dritte sei das nach Lukas, das von Paulus angeführte Evangelium, für die von den Heiden(zum Glauben Kommenden) verfertigt. Zu allen noch das nach Johannes. Auch Origenes kennt die vier Evangelien; sie sind ihm die einzigen, die in der ganzen Kirche anerkannt werden. Er kennt auch eine Überlieferung über sie, die sich mit der bei Irenäus vorliegenden im wesentlichen deckt und die, wenn sie nicht direkt auf die Quelle des Irenäus, d. h. wahrscheinlich das Werk des Bischofs Papias von Hierapolis, so doch auf ihn selbst zu- gehen. Die von Irenäus bezeugte kleinasiatische UÜberlieferung und die durch Origenes ver- tretene kennen als unbestritten nur vier Evangelien, die kanonischen, und zwar in der Reihen- folge, in der wir sie noch jetzt im Neuen Testamente lesen. Ob die Reihenfolge auch in Alexandria anerkannt war, ist nicht sicher ²); sicher ist, dass man um 200 n. Chr. auch dort allein die vier Evangelien wirklich zuliess, wenn man daneben auch andere Evangelienschriften las und gelegentlich verwertete.

Irenäus aber ging noch weiter. Er bezeichnete es, nicht unbeeinflusst von pythagoreischen Zahlenspielereien, als eine Notwendigkeit, dass es nicht mehr als vier Evangelien gebe ³).Es kann nicht mehr und auch nicht weniger Evangelien geben, als es sind. Denn da es vier Himmels- richtungen auf der Welt gibt, auf der wir uns befinden, und da es ferner auch vier Hauptwinde gibt, die Kirche aber über die ganze Erde zerstreut ist, das Evangelium aber und der Geist des Lebens Säule und Stütze der Kirche sind, so ist es natürlich, dass sie auf vier Säulen ruht, die von allen Seiten den Hauch der Unvergänglichkeit ausströmen und den Menschen Leben spenden. Wie das Weltgebäude auf vier Säulen ruht, so auch die Kirche; die vier Säulen sind die Evangelien. Wie es vier Winde, entsprechend den vier Weltgegenden gibt, so wehen auch die Evangelien und tragen der Kirche den Duft der Unvergänglichkeit zu. So konnte er doch nur denken und schreiben, wenn die vier Evangelien schon in dem kirchlichen Gebrauch eine feste Stelle hatten, eine so feste Stelle, dass man überhaupt nicht mehr daran rütteln konnte. Über die tatsächlich vorhandenen Unterschiede sah Irenäus hinweg. Ihm genügte es, dass die Evangelien alle den Lebensgeist bezeugen, der die Stütze der Kirche ist.

Der Zustand der Sicherheit, in den uns Irenäus versetzt, war aber tatsächlich gar nicht vorhanden. Man war sich noch gar nicht so einig über den Gebrauch der vier Evangelien, als

¹) Die Stelle aus dem verlorenen 1. Buche des Matthäuskommentars ist von Euseb. h. e. VI, 25, 3 aufbewahrt worden.

²) Clemens Alexandrinus sagte in seinen Hypotyposen(nach Euseb., h. e. VI, 14, 5), dass nach alexan- drinischer Überlieferung diejenigen Evangelien zuerst geschrieben seien(xpoνεετμ⁴αρνσ), die Geschlechts- register Jesu enthielten. Das aber sind Matth. und Lukas. Man würde demnach die Ordnung Matth. Luk. Mark. Joh. erhalten, die auch Irenäus III, 9 ff. zu befolgen scheint. Es wäre nicht undenkbar, dass die

jetzige Anordnung sich erst durch die Autorität des Origenes durchgesetzt habe. Zahn hat für die Worte des Klemens noch eine andere, allerdings wenig wahrscheinliche Deutung vorgeschlagen(Einleitung II, S. 182), dass nämlich damit nur gesagt sein solle, Matth. wäre vor Marc. und Luc. vor Joh. abgefasst. Wie die Worte jetzt lauten, wird das niemand aus ihnen herauslesen. Aber wir wissen freilich nicht, in welchem Zusammen- hang sie einst gestanden haben.

³) Irenäus, adv. haeres. III, 11, 8.