Aufsatz 
Zur Vorgeschichte des Evangelienkanons
Entstehung
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Diatessaron eine äusserst zweckmässige Zusammenstellung des evangelischen Stoffes war, sind nicht mehr ganz deutlich. Der Umstand, dass Tatian aus der Kirche ausgeschieden war, hat ohne Zweifel eingewirkt. Aber er trug schwerlich allein die Schuld. Die Kirche ertrug 170. nicht mehr, was sie 40 Jahre früher wohl noch ertragen hätte, ja was sie vielleicht zu dieser Zeit wirklich ertrug. Die Evangelien waren kirchliche Urkunden geworden, deren Zahl so feststand, wie die Zahl der Himmelsrichtungen. In dieser Voraussetzung konnte Irenäus um 180 bereits die vier Evangelien ebenso auf eine göttliche Ordnung zurückführen, wie die vier Weltgegenden. Er schreibt¹):Wir haben durch niemand sonst unsere Heilsordnung kennen gelernt, als durch diejenigen, durch die das Evangelium zu uns gekommen ist. Damals hatten sie es uns mündlich gepredigt, dann aber haben sie es uns nach Gottes Willen schriftlich überliefert, damit es ein Fundament und ein Pfeiler unseres Glaubens sein solle. Denn es wäre ein Unrecht, zu be- haupten, dass sie es verkündet hätten, bevor sie eine genaue Kunde davon hatten, wie denn einige zu sagen wagen, die sich rühmen, sie hätten die Apostel verbessert.²) Denn nachdem unser Herr von den Toten auferstanden war, und sie(die Jünger) die Kraft aus der Höhe an- gezogen hatten, nachdem der heilige Geist über sie gekommen war, waren sie in voller Gewiss- heit und hatten eine vollkommene Erkenntnis. Da gingen sie aus bis an die Enden der Erde; verkündeten die Güter, die uns von Gott geschenkt werden, predigten den Menschen den Himmels- frieden, indem sie alle zugleich und jeder für sich das Evangelium Gottes besassen. Matthäus unter den Hebräern gab in ihrer eignen Sprache eine Evangelienschrift heraus, als Petrus und Paulus in Rom das Evangelium verkündigten und die Kirche begründeten. Nach ihrem Tode ³) überlieferte uns Markus, der Schüler und Dolmetscher des Petrus, in einer Schrift das, was von Petrus gepredigt worden war. Und Lukas, der Gefolgsmann des Paulus, zeichnete das von diesem gepredigte Evangelium auf. Dann gab Johannes, der Schüler des Herrn, der an seiner Brust gelegen hatte, auch das Evangelium heraus, als er in Ephesus in Asien weilte. Irenäus hatte bei diesen Mitteilungen einen doppelten Zweck im Auge. Einerseits wollte er die zeitliche Reihenfolge der Evangelien festlegen. Das älteste, das des Matthäus, stammte aus der Zeit, als Petrus und Paulus, die zwei grossen Missionare der christlichen Kirche, noch lebten, also aus der Zeit um 60 n. Chr. Die andern sind nach deren Tod, also nach 64 n. Chr. abgefasst. Und zwar gehen das zweite und dritte auf Petrus und Paulus, also auf die zwei Hauptapostel zurück, während das vierte selbst einen Apostel, den Johannes zum Verfasser hat. Damit ist aber zugleich der Hauptzweck der Darlegung gegeben. Der absolut zuverlässige Inhalt der Evan- gelien, ihre Übereinstimmung mit der Lehre der Apostel soll dadurch sichergestellt werden. Das älteste Evangelium stammt aus einer Zeit, als sein Inhalt von authentischen Zeugen noch kon- trolliert werden konnte; die beiden folgenden fixierten die Verkündigung der beiden Hauptapostel, das vierte endlich lieferte gleichsam den Schlussstein zu dem ganzen Bau, die Verkündigung von Jesu Lieblingsjünger. Diese praktische Abzweckung, der Beweis für die Richtigkeit der kirchlichen Verkündigung, war also für Irenäus die Hauptsache. Aber es ist bezeichnend, dass er für diesen Beweis schon die Vierzahl der Evangelien als etwas ganz Selbstverständliches an- sieht, zu einer Zeit, da in Kleinasien noch ein angeblich von Petrus selbst verfasstes Evan- gelium in vielen Gemeinden Verbreitung gefunden hatte und hohes Ansehen genoss.)

¹) Irenäus, adv. haeres. III, 1, 1.

²) Der Vorwurf geht auf Marcion, der ein gereinigtes Evangelium des Lukas, in dem er weggelassen hatte, was zu seinen Anschauungen nicht passte, als das Urevangelium ausgegeben hatte. Zu dem Evangelium Marcions vgl. Zahn, Gesch. d. neutest. Kanons II, 409 529. Hier ist auch ein Rekonstruktionsversuch gegeben.

² Dass die Worte des Irenäus, deren griechischen Wortlaut Eusebius KG. V, 8, 2 überliefert hat, Però --y robtcy EEodoy nichts anderes bedeuten können alsnach ihrem Tod hat Zahn, Einleitung II, d. 180 bewiesen.

¹) Eusebius, hist. eccl. VI, 12, 3 ff.