Aufsatz 
Zur Vorgeschichte des Evangelienkanons
Entstehung
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Und doch ist auch das Abendland mit der Arbeit bekannt geworden. Um 500 n. Chr. wurde eine lateinische Evangelienharmonie hergestellt, in der man den Rahmen der Arbeit Tatians beibehielt, die Stellen aber nach der 383 durch Hieronymus revidierten lateinischen Bibelüber- setzung wiedergab. Die Harmonie ist jedoch sehr bald umgearbeitet worden, so dass die Grund- lage mehr oder weniger verändert wurde. Wie eine solche Benutzung des Diatessaron möglich gewesen sein sollte in einer süditalienischen Stadt, also in einem Gebiet, das zwar mit griechischem Wesen engste Fühlung, aber gar keine Beziehungen zu Syrien hatte, ist schwer zu sagen, wenn das Buch wirklich in syrischer Sprache abgefasst war. Nach Capua konnte das Werk nur in griechischer Sprache gekommen sein. Also gab es um 500 griechische Exemplare, dies aber zu einer Zeit, als man in Syrien selbst die syrische UÜbersetzung schon ausgerottet hatte. Bezeichnenderweise trug die Arbeit damals weder Titel noch Verfassernamen. Den hatte man gestrichen, weil er verdächtig war und die Arbeit von vorneherein hätte diskreditieren können. Als Viktor von Capua eine Handschrift anfertigen liess(um 545 n. Chr.), setzte er ihr eigenmächtig den Namen des Ammonius vor, weil er nach einer Bemerkung von Eusebius irrigerweise annahm, dass dieser eine derartige Arbeit verfasst habe. Hat es aber um 500 noch griechische Exemplare des Werkes gegeben, so ist damit aufs höchste wahrscheinlich gemacht, dass das Buch über- haupt ursprünglich griechisch war. Darauf weist auch eine zweite Spur, die Zahn ¹) verfolgt, aber nicht ausreichend verwertet hat. Im 16. Jahrhundert behauptete der Humanist O. Luscinius ursprünglich hiess er Nachtigall eine griechische Evangelienharmonie gefunden zu haben. Er gab einen Auszug davon heraus. Auch er nannte als Verfasser Ammonius. Da nun, wie Zahn gezeigt hat, diese Harmonie auffallende Berührungen mit dem Diatessaron zeigt, muss Zahn selbst einen Zusammenhang mit diesem zugeben. Er verfällt aber dabei auf die höchst unglückliche Idee, dass in dem von Nachtigall gefundenen Werke Bruchstücke einer an das syrische Diatessaron sich anlehnenden Arbeit eines Griechen vorlägen. Das ist eine Auskunft, die schwerlich jemand einleuchten wird, der den Zusammenhang zwischen der syrischen und griechischen Literatur kennt.

Dazu kommt endlich noch das besonders von Harnack scharf betonte Argument, dass schon der auffallende Titel der Arbeit an griechische Abfassung zu denken gebiete. Tatian wählte den TitelVierklang, d. h. den aus Grundton und drei Obertönen gebildeten Akkord, weil er damit die Einhelligkeit und das Zusammenstimmen des in vier Arme gespaltenen Flusses der evangelischen Uberlieferung bezeichnen wollte. Die syrische Sprache hat dafür kein Wort; Tatian brauchte einfach das Griechische Wort; für die Syrer musste es später erläutert werden durch Evangelium der Vermischten. Dass er ein den Gemeinden kaum verständliches Wort gewählt haben sollte, um seine Arbeit damit einzuführen, ist sehr unwahrscheinlich. Ist der Titel der Arbeit ursprünglich jedoch griechisch gewesen, so versteht man es, dass der Ubersetzer, der nach Treue strebte, ihn beibehielt. So spricht auch der Titel selbst für die griechische Ab- fassung, und Harnack hat mit Recht seinen Widerspruch gegen die These Zahns festgehalten, trotzdem sich neuerdings viele und gewichtige Stimmen für sie erklärt haben. ²)

Um 170 konnte man demnach den Versuch machen, aus den vier Evangelien ein einziges herzustellen. Der Versuch gelang nicht; die Zusammenstellung hat sich nur ganz begrenzte Geltung zu verschaffen gewusst. Die Gründe dafür, warum dies nicht der Fall war, obgleich das

¹) Zahn, Forschungen I, S. 313 ff.

²) Z. B. Lagarde in s. Gött. Gelehrten Anzeigen 1882, S. 325 f. Bardenhewer, Gesch. der altchristl. Literatur I, S. 257 f. Dagegen ist beachtenswert, dass einer der besten Kenner der syrischen Bibel, Burkitt, ebenfalls für die griechische Urgestalt eintritt, s. Evangelion da-mepharresche II, p. 5. Early Eastern Christianity 1904, p. 67 ff.