Aufsatz 
Zur Vorgeschichte des Evangelienkanons
Entstehung
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Existenz wusste. In Palästina konnte er leicht davon eine Kunde haben, da zu seiner Zeit im östlichen Syrien das Diatessaron noch allgemein im Gebrauch war.¹) Endlich führt Zahn noch Einzelheiten des Werkes an, die nur bei syrischer Abfassung verständlich seien. Matth. 10, 10 ist den Aposteln die Anweisung gegeben, sie sollten auf den Weg weder Ranzen, noch Sandalen, noch Stock mitnehmen: p xia eis 555v bde de dre ne ere ee 55dov. Statt des 5doy haben zahlreiche Handschriften den Plural 5dovs, einige Lateiner fügen hinzu: in manibus vestris. Bei Markus steht(6, 8), sie sollten nichts mit auf den Weg nehmen ausser einem Stock(et p-h 54850 P.6voy), sonst kein Brot, keinen Ranzen, kein Geld im Gurt. Das war ein offenkundiger Widerspruch. Tatian suchte ihn zu beseitigen, indem er schrieb: ²)einen Stab, nicht einen Knüppel. Daraus folgert Zahn: ³)Für einen, der aus den griechischen Evan- gelien, welche ihm an den zu verschmelzenden Stellen überall nur dasselbe Wort 5500 dar- boten, eine griechische Harmonie herzustellen hatte, wäre dies unmöglich gewesen. Der Syrus Sinaiticus dagegen und die vielfach von der alten syrischen Version abhängige Armenische Bibel haben Mc. 6, 8 ein anderes Wort als Mt. 10, 10, Le. 9, 3. Also ist das Diatessaron ein von Haus aus syrisches Buch gewesen. Der Schluss ist jedoch ganz verfehlt. Er wäre berechtigt, wenn Zahn annähme, dass Tatian bereits eine syrische UÜbersetzung vorgefunden und nach dieser seine Zusammenstellung gemacht hätte. Das ist nicht der Fall, wie sich schon aus dem Titel der ältesten syrischen Übersetzung der vier Evangelien ergibt. Sie heissenEvv. der Ge- trennten im Gegensatz zu dem Werke Tatians. Tatian hat also, wie auch Zahn annimmt, der syrischen Kirche erst das Evangelium in der Landessprache gegeben.¹) Dann aber ist der ganze Schluss Zahns falsch. Denn die Verschiedenheit der syrischen Worte für Stab hat Tatian nicht etwa erfunden, sondern durch sie hat er nur eine Verschiedenheit der Vorlage selbst aus- drücken wollen. Daher beweist eben die Stelle überhaupt nichts. Wenn Tatian verschiedene Worte vorfand, kann er die Zusammenstellung ebensogut griechisch gemacht haben. Nun liest aber bei Lukas an der entsprechenden Stelle eine Handschrift statt 5ᷣoStab: 500 leichten Stab. Mit Hilfe des einen eingeschobenen Buchstabens wird also der Sinn der Stelle so verändert, dass der von Tatian ausgedrückte Gedanke entsteht. Bei Matthäus findet sich freilich nichts Khnliches in den verschiedenen Zeugen für den Text; es lässt sich auch nicht mehr ausmachen, wie alt diese Lesart ist. Aber cben darum kann man auch nicht mit Be- stimmtheit sagen, dass sie Tatian unbekannt gewesen sein müsse. Darum beweist also die Stelle für die Abfassung gar nichts. Tatian las 5 iov Brs 5ä0ov und glaubte damit die Schwierig- keit beseitigt. Auch die andern Gründe Zahns sind nicht stichhaltig. Freilich hat man die Arbeit Tatians im Abendlande nicht benutzt. Sie ist im Osten des römischen Reiches entstanden. Ihr Vordringen nach Westen wurde schon durch den Umstand erschwert, dass Tatian auf der Ketzerliste stand. Gegen die aus den Kreisen der Ketzer hervorgegangenen Evangelien- bearbeitungen hatte man ein nicht unbegründetes Misstrauen. Dies Misstrauen wird wohl auch der Grund gewesen sein, dass man die an sich willkommene Arbeit Tatians nicht benutzte.

¹) Charakteristisch ist die Wendung, mit der der syrische Übersetzer des Eusebius die Stelle wieder- gibt:Dieser sammelte, vermischte und legte zurecht das Evangelium und nannte es Diatessaron, d. i. der Vermischten. Der Übersetzer kannte auch dasEvangelium der Getrennten, d. h. die syrische Über- setzung der vier einzelnen Evangelien, deren älteste Exemplare diesen Titel führen; s. Burkitt, Evangelion da-mepharresche, The Curetonian Version of the four Gospels(Cambridge 1904) II, p. I ff.

²) Die Stelle liegt nicht mehr im Wortlaut vor. Wir sind auf eine armenische Ubersetzung des syrischen Kommentars des Ephraem zum Diatessaron angewiesen(ed. Venet. 1836 p. 84). Im Armenischen stehen zwei Worte(gavazan und ũb), die beide dieselbe Bedeutung(virga) haben. Vgl. die Erörterung von Merx, die vier kanon. Evangelien II, 1, S. 176 f.

²) Real-Enzyklop. V. 657, 6 ff.

) Vgl. dazu F. C. Burkitt, Early Eastern Christianity 1904. p. 47 ff. 67 ff.