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Die spätere Zeit hat sich dann immer und immer wieder mit diesem Problem abgeben müssen. Eusebius von Cäsarea schrieb eine eigene, leider verlorengegangene Schrift„von den Widersprüchen in den Evangelien“, ohne doch diese Widersprüche selbst beseitigen zu können. ¹) Man hat sie zwar teils wegerklärt, teils einfach ingnoriert. Aber zu keiner Zeit hat es an Leuten gefehlt, die an den Widersprüchen eben solchen Anstoss nahmen, wie viele Christen schon zu den Zeiten des Origenes. Die neuere Aufklärungszeit hat daraus ebenso wie schon der Philosoph Celsus in seinem„wahren Wort“ im Jahre 178 n. Chr. die Gründe abgeleitet, die für die Un- glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte überhaupt sprechen. Dass diese Schwierigkeiten, die zu allen Zeiten vorhanden waren, auch stets als solche empfunden worden sind, geht aus dem Gesagten hervor. Es lässt sich aber auch noch aus einer andern Tatsache erschliessen.
Man hat schon sehr frühe angefangen, für den kirchlichen Gebrauch die vier Evangelien zusammenzuarbeiten, so dass es in der Tat ein Evangelium statt der vier gab. Der erste uns bekannte Versuch ist von Tatian gemacht worden. Dieser, von Geburt ein Syrer, griechisch ge- bildet und durch Justin den Märtyrer in der christlichen Lehre unterrichtet, hat eine Harmonie aus den vier Evangelien hergestellt, der er den Titel„Diatessaron“, d. h. Vierklang, gab. Die Abfassungszeit der Arbeit ist nicht mehr zu bestimmen. Wenn sie noch in Rom entstanden ist, so würde sie noch vor das Jahr 172 fallen; wäre sie nach der Rückkehr Tatians in seine Heimat verfasst, so bleibt die Zeit 172— 180 offen.²) Da man in dem Abendland kaum etwas von dem Werk wusste, so ist es nicht wahrscheinlich, dass es hier verfasst worden ist. Doch darf man nicht vergessen, dass Tatian nach dem Tode seines Lehrers Justin der Kirche den Rücken ge- kehrt und eine Sekte, die Enkratiten, gebildet hat.¹) Das könnte dazu beigetragen haben, die Arbeit über die Evangelien der Vergessenheit zu überliefern, da es nicht bezweifelt werden kann, dass Tatian in ihr seine von der Kirchenlehre abweichenden Ansichten hat wirksam sein lassen.¹) Auch über die Sprache, in der das Diatessaron verfasst war, bestehen Meinungsverschiedenheiten. Während man früher wohl allgemein annahm, dass das Diatessaron zunächst in griechischer Sprache verfasst worden sei, dass sich dann die syrische Kirche das Werk durch Übertragung angeeignet habe, wollte Zahn den Nachweis führen, dass die syrische Sprache das Ursprüngliche sei, dass das Diatessaron nicht griechisch existiert habe.5) Seine Gründe sind einerseits der Geltungsbereich des Werkes. In der Tat lassen sich Spuren der Benutzung ausserhalb Syriens nicht nachweisen. Ferner spreche dafür die Tatsache, dass man im Abendlande keine Kunde von dem Werke besessen habe ausser der, die durch den in Palästina ansässigen Bischof von Cäsarea, Eusebius, vermittelt worden sei. Dieser schreibt in seiner Kirchengeschichte IV, 29, 6: „Tatian verfasste irgendwie eine Verknüpfung und Zusammenstellung der Evangelien und nannte sie„den Vierklang“(rb Ald& rsd⁴οο), die bis auf den heutigen Tag bei einigen in Gebrauch ist.“ Durch den Ausdruck 05ν 0¹' 5&.. 60-elc hat Eusebius offenbar andeuten wollen, dass er das Werk nicht aus eigner Anschauung kannte, sondern nur vom Hörensagen etwas von seiner
3 ¹) Vgl. über die Schrift Lightfoot in Diction. of Christ. Biogr. II, p. 3384. Harnack, Chronologie II,
S. 124. Meine Bemerkungen bei Harnack, Altchristl. Literaturgesch. I, 577 u. Real-Enzyklop. f. Theol. V, S. 616, 6 ff.
²) Vgl. Harnack, Chronologie I, S. 289.
³) Irenäus, I, 28, 1: Tartavο tυονσ τ‿ονυσσα τaντνν Ov XOVO“v SAAO&Eiav. Oc lovorivob Aοαm⁷ tshovd— 500 BLy VI Snsivep O50y S6& roονοοον μεεε⁴ dε riy Esivoo iay droοrae hc Exias rr, idaokaod ae l T„dee dtA*‿νεκ̈οοον Té XOrενν ενιον ναμρμνσσ⁴ρ dννμισασ aX⁴νeοο οvοααο.
⁴) Vgl. darüber Bardenhewer, Gesch. d. altchr. Literat. I, S. 258. Harnack hat seine früheren Zweifel darüber zurückgenommen, Chronologie I, S. 289 Anm. 3. Zahn meint, dass das Buch auf dem Boden der Glaubens- regel gestanden habe, Forschungen I, S. 263 ff.
²) Vgl. in Kürze die Ausführungen Zahns in der Real-Enzyklopädie V, 654, 48 ff.


