Aufsatz 
Zur Vorgeschichte des Evangelienkanons
Entstehung
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Zur Vorgeschichte des Evangelienkanons.

Von Oberlehrer D. Erwin Preuschen.

Warum hat die christliche Kirche vier Evangelien und nicht nur ein einziges? Diese Frage ist auf dem internationalen Historikerkongress in Rom 1903 von Harnack aufgeworfen worden.¹) Die Erklärung, die Harnack zur Beantwortung dieser Frage vorgetragen hat, mag hier auf sich beruhen. Aber soviel ist jedenfals deutlich, dass damit ein wichtiges Problem ge- stellt ist. Die Kirche hat sich, indem sie vier Evangelien statt eines einzigen mit kanonischem Ansehen ausstattete, eine Schwierigkeit geschaffen, die oft genug empfunden worden ist und gerade von den besten Theologen am meisten. Die vier Berichte über das Leben Jesu, die nebeneinander herlaufen, zeigen doch im einzelnen so starke Differenzen, dass keine exegetische Kunst sie wegzudeuten vermag. Schon in der ältesten Zeit hat man die Schwierigkeit gespürt. Der erste grosse Exeget der christlichen Kirche, zugleich einer ihrer grössten Theologen über- naupt, hat mit Rücksicht auf die vielfachen Widersprüche der vier Evangelien geschrieben: ²) Man muss behaupten, dass die Wahrheit in bezug auf die verschieden überlieferten Stoffe in ihrem geistigen Gehalt liegt, da die Menge, wenn die Widersprüche nicht gelöst werden, leicht den Glauben an die Evangelien überhaupt verliert, als seien sie nicht wahr oder nicht im gött- lichen Geist geschrieben oder nicht sorgfältig aufgezeichnet. Denn das eine wie das andere gilt als charakteristisch für diese Schriftenklasse. Origenes führt dann solche Widersprüche an:Wer die vier Evangelien für verbindlich ansieht, aber der Meinung ist, dass die scheinbaren Wider- sprüche nicht durch die allegorische Auslogung beseitigt werden, der soll mir Antwort geben auf die oben berührte Schwierigkeit, dass die vierzigtägige Verauchung Jesu keinen Raum hat in dem Johannesevangelium; er soll sagen, wann Jesus nach Kapernaum gekommen ist. Denn wenn sechs Tage nach seiner Taufe die Hochzeit zu Kana stattgefunden hat, so können offenbar die Angaben von seiner Versuchung, seiner Anwesenheit in Nazareth und der Gefangennehmung des Johannes nicht stimmen. Origenes und nach ihm zahlreiche andere suchte der Schwierig- keiten, die in diesen und ähnlichen Widersprüchen lagen, dadurch Herr zu werden, dass er die Geschichten nicht eigentlich als Geschichten ansah, sondern als Sinnbilder und Typen tieferer, geistiger Wahrheiten, wozu ihm die platonische Philosophie den Weg gezeigt hatte. Auch der jüdische Philosoph, der in Alexandria jüdischen Glauben und griechische Philosophie miteinander zu vermählen suchte, Philo, hat die Geschichtserzählungen des Alten Testaments nicht anders behandelt.

¹) Vgl. das Résumé des Vortrags in den Studi religiosi 1903, p. 227 ss. Wiederabgedruckt in den Reden und Aufsätzen II, S. 239 ff. Leider ist der Auszug so knapp gehalten, dass die Begründung von Har- nacks These nicht in allen Einzelheiten deutlich ist. ²) Origenes, Johanneskommentar X, 3, 10(S. 172, 19 ff. meiner Ausgabe). 1*