20
Gedanke ist speciell auf alle diejenigen psychischen Zustände übertragen worden, bei denen der Mensch irgendwie sein Bewußtsein verloren hat oder das Bewußtsein in ihm getrübt ist. Da Gott ein geistiges Wesen ist und diese Vorstellung nicht eine bloße Abstraktion war, sondern in dem Denken wirklich Leben besaß, so konnte er auch von dem Menschen geistig Besitz ergreifen, den Geist des Menschen beeinflussen, ja ihn vollständig zur Ruhe zwingen; und da die Thätigkeit des Geistes auch die des Körpers reguliert und bestimmt, so waren in einem solchen Falle auch die Funktionen des Körpers von der den Menschen gleichsam bewohnenden Gottheit abhängig. Diese Gedanken führten zu den Vorstellungen, daß die Krankheiten durch böse Geister bewirkt sind, daß vor allem die Geisteskrankheit auf die Besessenheit zurückzuführen ist: Vorstellungen, die noch im Neuen Testamente vorliegen und die überhaupt in der volkstümlichen Medizin der alten Zeit so gut wie unsrer Tage — man vergleiche nur das bei dem Volke noch allgemein übliche Besprechen» bei Krank- heiten— nachgewirkt haben. Andererseits vermag aber die Gottheit auf diesem Wege dem Menschen auch helfend und fördernd zur Seite zu stehen, indem er ihm durch Träume gute Ratschläge giebt, seine Wünsche kundthut oder die Zukunft offenbart, so daß das Wort einen guten Sinn hat:«es ist umsonst für euch, die ihr frühe aufsteht, spät euch niederlegt und das Brot der Mühen eßt: ebenso giebt er's seinem Geliebten im Schlafe»(Psalm 127, 2). Und neben den Besessenen stehen die«Propheten», die von Gott begeistert sind und die nicht nur, wie Samuel, dem suchenden Saul Auskunft über die verlaufenen Eselinnen geben (1. Regn. 9), sondern die auch durch die in ihnen lebendige Stimme und den Geist Gottes zum Besten des Volkes reden, wie Elia, und seine Thaten beeinflussen, wie Samuel. Dieser Einwirkung des göttlichen Geistes aber kann jeder teilhaftig werden, der sie sucht und dessen sich die Gottheit in dieser Weise annehmen will. Da man die Gottheit an die Stelle, wo sich ihr Heiligtum befindet, gebunden denkt, so ist dies der gegebene Ort, an dem eine Ein- wohnung des Gottes vor andern zu erreichen ist. Und daß man Traumorakel hatte, beweisen noch deutliche Spuren im Alten Testament. Hierauf ließe sich die Erzählung von dem Traume, den Samuel in dem Heiligtume zu Silo hatte, beziehen(1. Regn. 3, 1 ff.). Als einst Samuel an seinem gewohnten Platze bei der Bundeslade schlief, hörte er dreimal den Ruf: Samuel, den er von seinem Vorgesetzten, dem Priester Eli, kommend wähnte. Beim dritten Male wird er von diesem darauf aufmerksam gemacht, daß ihn Jahwe selbst rufe und daß er antworten müsse: Herr, rede, dein Knecht hört. Das thut denn auch Samuel und er empfängt nun eine Weissagung über den Untergang der Familie des Eli. Doch ist hier wohl kaum an ein Incubationsorakel zu denken, da Samuel ein Priester ist, nicht zu dem Zwecke, um die Auskunft zu erhalten, in dem Tempel schläft und wir sonst von einer derartigen Sitte in dem Heiligtume zu Silo nichts wissen ¹). Deutlich ist das besonders bei Béth-'êl, bei dem der ienb« X61(Gen. 28, 11 ff.) uns noch die Kunde davon giebt. Denn der Traum, den Jakob dort hat von der in den Himmel aufragenden Leiter, auf der die Engel Gottes auf und nieder steigen und nicht anders die Jahweerscheinung, die ihm die Verheißung für ihn und seine Nachkommen giebt, soll(vgl. V. 19 ff.) den Anlaß zur Ent- stehung der Kultstätte geboten haben. Die Sitte, den Stein, in dem man ursprünglich die Gottheit wohnend gedacht hatte, mit Öl zu salben, wird wohl der späteren Sitte bei der Incubation entsprechen. Diese Sitte hat noch bis in die Königszeit hinein bestanden, wie für Bêth-'el durch Hosea 12, 5 bezeugt ist:«Er(d. h. Jakob-Israel) kämpfte gegen eine Gottes- erscheinung; er weinte und bat sie um Erbarmen; sie fand ihn in Bèêth-'él und dort redet sie mit uns»- ²). Auf ein derartiges Heiligtum in Gibe’ôn läßt sich schließen aus 3. Regn. 3, 5 ff., wonach sich Salomo nach seiner Thronbesteigung dorthin begab und des Nachts im Traume
1) Vgl. Stade, Gesch. d. Volkes Israel I, S. 445, wo noch andere Fälle solcher Gottesoffenbarungen im Traum besprochen sind, und 476 A. 1.— 2) Der Text der Stelle steht nicht ganz fest. Die syrische Übersetzung sowie Aquila, Symmachus und Theodotion lasen imò«mit ihmꝰ.


