10
schlimmste Lage gekommen bin und geglaubt habe, ich würde durch deine Rückkehr etwas aufatmen können. Du aber denkst nicht daran, zurückzukehren und siehst nicht auf unsere Lage, obschon wir bereits bei deiner Anwesenheit an allem Mangel litten, geschweige denn, nachdem schon so lange Zeit vergangen ist und wir solche Zeiten haben durchmachen müssen und du doch noch nichts geschickt hast. Und doch berichtet Horus, der den Brief gebracht hat, daß du von der zaro-** gelöst seiest¹). Ich bin unzufrieden, und da auch deine Mutter schwer daran trägt, wirst du gut daran thun, ihret und unseretwegen in die Stadt zurückzukehren, wenn dich nicht etwas Notwendiges zurückhält. Du wirst uns einen Gefallen erweisen, wenn du für deinen Körper sorgst, damit du gesund wirst. Leb' wohl.“ Datum:«Im 9. Jahre, am 30. Epiphi». Adresse:«An Hephästion».
Daß die beiden Briefe enge zusammengehören, zeigt ein Blick auf den Inhalt. Nicht nur Eingang und Schluß sind fast gleichlautend, sondern auch im einzelnen stimmen viele Ausdrücke wörtlich überein; und die Situation ist von beiden so gleichmäßig geschildert, daß ein Zweifel nicht möglich ist. Eine Frau schildert ergreifend ihre Lage; ihr Mann ist einer großen Gefahr entgangen; sie ist nun mit ihrem Kinde allein zurückgeblieben, und da der Ernährer fehlt, in große Not gekommen. Zwar hat sie sich durch die schlimmen Zeiten ²) mühsam durchgeschlagen, aber nun fleht sie, daß ihr Mann wieder zurückkommen möge, damit die Not ein Ende nimmt, und ihr Schwager unterstützt eindringlich diese Bitte um Rückkehr.
Welcher Art die Gefahren gewesen sind, aus denen Hephästion gerettet wurde, wird nicht genauer angegeben. Aber eine Vermutung darüber ist uns, wenn man den Wortlaut genau prüft, doch an die Hand gegeben. Beide Briefe beginnen mit dem Ausdruck der Freude darüber, daß es dem Adressaten gut geht. Beide schließen mit dem Wunsche, daß er für seinen Körper Sorge tragen möge, damit er gesund werde³). Die Todesgefahr, in der Hephästion geschwebt hatte, wird also wohl eine schwere Krankheit gewesen sein. Beachtet man aber in dem ersten Brief die Zusammenstellung von Errettung aus großen Gefahren, und ατοσνν, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die zaroh an der Errettung aus den Gefahren und der Erlangung der Gesundheit, wofür den Göttern Dankopfer gebracht werden, beteiligt ist. Zu welcher Auffassung vom Wesen dieser Institution unser Schluß führt, kann hier zunächst noch nicht erörtert werden.
Abgesehen von dieser wichtigen Folgerung ergeben sich aber auch noch andere wichtige Momente für die Bestimmung des Begriffes. Aus dem Briefe der Isias sehen wir, daß es möglich gewesen sein muß, irgendwie sich in dieser Lage Geld zu verdienen. Hephästions Frau hat erwartet, daß er ihr irgend etwas schicken würde; aber ihre Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Wie ihr ein Landsmann, Horus mit Namen, der vielleicht zu einem ähn- lichen Zwecke das Sarapeum aufgesucht hat, bei seiner Rückkehr berichtete, hat ihr Mann nicht daran gedacht, obgleich er ν τά ναιοιν gelöst ist. Ob ihn die Sache so in Anspruch nahm, daß er keine Zeit hatte, an seine Angehörigen zu denken, oder ob es mit seiner Gemütsverfassung zusammenhing, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls erwartete man etwas der- artiges von ihm, hat also eine vom Sarapeum aus erfolgende Fürsorge für die Seinen doch für möglich gehalten.
1) Der Ausdruck findet sich auch Par. 51, 26 und bezeichnet die offizielle Beendigung der aεαωeν.— 2) Die aεεμοιαοσιοοονςind vielleicht nicht so allgemein zu fassen, als das oben in der Ubersetzung geschehen ist. Da besonders die hohen Getreidepreise erwähnt werden, wird man den Ausdruck wohl von den öffentlichen Verhältnissen verstehen müssen. Wir wissen, daß in diese Zeiten politische Wirren fallen, die auch für begüterte Leute unangenehme Folgen hatten.— 3) Übrigens gehören diese Formeln zu der Sitte in den Briefen. Die Brief- eingänge sind nach derselben stereotypen Formel gebildet, die wir auch noch in Nr. 7 beobachten können (vgl. Deißmann, Bibelstudien, Marburg 1895, S. 189 ff.). Ebenso enthält der Schluß häufig die Mahnung, für seine Gesundheit bedacht zu sein. Da aber diese Briefe größtenteils an dieselben Personen gerichtet sind und diese sich in der aaroν befinden, scheinen die oben gezogenen Schlüsse doch genügend gesichert.


