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gezogen hat, weil es nicht nur ein ausgezeichnetes Bildungsmittel für die Hand und das Auge iſt, ſondern auch den Sinn fuͤr anerkannt ſchöne Formen erweckt und belebt, und dazu im practiſchen Leben das Ornament mehr als früher zur Anwendung kommt. Damit auch hier, wie bei jedem Entwurf einer Zeichnung, der Schüler erſt das Ganze(den maſſenhaften oder Hauptentwurf) des Gegenſtandes zu zeichnen angehalten und dann erſt ins Detail zu arbeiten angewieſen werde, bedarf es einer mehr als im früheren Curſe vorausgeſchickten Er⸗ klärung der jedesmaligen Vorlagen. Für eine ſolche Erklärung erweiſt es ſich als zweckmäßig, wenn beim Beginn dieſer Uebungen der Lehrer an die Tafel den Hauptentwurf eines zum Copiren vorliegenden Ornamentes vorzeichnet und gleichzeitig, z. B. bei einer Blattform, zeigt, wie die Mittelrippe(der Auslauf des Stengels) die Hauptrichtung des Ornaments angibt, und darauf die Grundform des Ganzen und endlich die einzelnen Rippen und Zahneinſchnitte darſtellt. Indeſſen geſtattet die noch verhältnißmäßig geringe Uebung des Schülers auf dieſer Stufe Anfangs nur das Zeichnen ganz einfacher Ornamente.
Bei großer Schülerzahl haben ſich die ſogenannten Vorhänge⸗ oder Wandtafeln als ſehr practiſch und von großem Nutzen bewährt.*)
Läßt der Lehrer nach Vorlegeblättern zeichnen, ſo iſt es rathſam, wenn er von vorn herein, um einestheils das unerlaubte Abmeſſen zu verhüten und anderntheils der Hand mehr Schwung zu geben, die Schüler anweiſt, größer als das Original zu zeichnen; haben ſich dieſelben hinlänglich befaͤhigt, reine Umriſſe in dieſer Weiſe darzuſtellen, ſo mögen auch Uebungen im Verkleinern vorgenommen werden. Wenn der Schüler bei dieſen Uebungen im Ornamenten⸗ zeichnen Gewandtheit in Handhabung des Bleiſtifts erlangt hat, ſo iſt es zweckmäßig, auch den Gebrauch der Feder eintreten zu laſſen, ſchon aus dem practiſchen Grunde, weil ihre früh⸗ zeitige Führung einzelnen Gewerbsleuten, wie Lithographen u. ſ. w., ſehr zu Statten kommt, mehr aber deßhalb, weil die Federzeichnungen, wenn ſie auch etwas Hartes an ſich tragen, doch der Hand eine Leichtigkeit und Sicherheit, und bei der Feinheit und Reinheit ihrer Um⸗ riſſe dem Augenmaße eine Schärfe geben, wie ſolche bei Anwendung eines anderen Zeichen⸗ materials nicht erreicht werden. Wie man übrigens bei Beginn der Zeichenübungen mit dem Bleiſtift den Schüler nur kurze Striche machen läßt, ſo ſchreitet man mit den Federzeichnungen auch von der kurzen, der Größe der Hand ſich anpaſſenden zu der längern und in vollem Zuge ohne ſichtbare An⸗ und Abſätze ausgeführten Linie.**) Erſt nach erlangter Sicherheit derſelben geht man zum Zeichnen der Ornamente über.
*) Zu dieſem Zwecke ſind folgende Wandtafeln ſehr geeignet:
1) C. Möllinger's ſyſtematiſch geordnete Ornamente elaſſiſcher Motive. 1. Heft. 12 Tafeln. Holzminden 1861. 2 fl. 24 kr.
2) C. Deſchner's 30 Wandtafeln. Anfangsgründe im Ornamentenzeichnen für Real⸗ und gewerbliche Fortbildungsſchulen. 2. Auflage. Verlag bei Schmidt in Heilbronn 1863.(Empfohlen von der königl. würtembergiſchen Centralſtelle für Gewerbe und Handel, ſowie von dem großh. badiſchen Gewerbeſchul⸗ rathe.) Preis 3 fl. 36 kr.
3) F. Chriſtmann's Wandtafeln(Ornamente) für die Zeichenſchule. 1. Heft. Darmſtadt 1862. Karl Köhler. Preis 1 fl. 48 kr.
**)„Das Stricheln der Linien muß verpönt bleiben.“(G. Schreiber.) Für den Anfänger empfehlen ſich Gänſefedern und weiche, nicht zu ſpitze Stahlfedern mit dickem Halter, ſpäter, bei kleineren Zeichnungen, auch Raben⸗ und feine Zeichenſtahlfedern. Für den Unterricht im Ornamentenzeichnen ſind als beſonders geeignete Werke zu empfehlen:
1) J. Buck, 40 Vorlegeblätter für Anfänger im Ornamentenzeichnen. Kempten. 36 kr.


