Aufsatz 
Der Zeichenunterricht in der Realschule / [vom Gesang- und Zeichenlehrer Presber]
Entstehung
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A. Freihandzeichnen.

I. Elementarzeichnen. (2 Stunden wöchentlich vom 10 11. Jahre.)

Das Freihandzeichnen iſt als Grundlage der Geſammtzeichenkunſt zu betrachten. Wenn es zwar aus leicht begreiflichen phyſiſchen und pädagogiſchen Gründen im Allgemeinen nicht rathſam erſcheint, den Unterricht in demſelben zu früh aufzunehmen, ſo muß doch im zehnten Jahre, wo gewöhnlich der Verſtand der Schüler zur Anſchauung und Auffaſſung ſchon eine ausreichende Reife und die Hand durch einen vorangegangenen vierjährigen calligraphiſchen Unterricht zur Ausführung des Aufgefaßten die nöthige Kraft, Feſtigkeit und Sicherheit erlangt hat, derſelbe beginnen, wenn einigermaßen günſtige Reſultate durch ihn erzielt werden ſollen.

Man klagt in neueſter Zeit wieder viel über die Erfolgloſigkeit der Methode des bisherigen Zeichenunterrichts und glaubt dieſelbe in der allgemein eingeführten todten Nachahmung aller Arten von Vorzeichnungen und Vorlegeblättern zu finden.*) Beſſere Reſultate will man durch das ſ. g. Naturzeichnen erzielen, wie ſolche ſchon 1825 Peter Schmid durch Elementarmodelle und 1848 die Gebrüder Ferdinand und Alerander Dupuis zu erſtreben ſuchten, welche ſelbſt die erſten Linien und Grundfiguren nach Draht⸗ und Blechmodellen erſt geometriſch und dann perſpectiviſch zeichnen ließen. Aber ſchon der Umſtand, daß dieſe Methoden theilweiſe wieder verlaſſen worden ſind, erregt Bedenken über ihre Zweckmäßigkeit. Und ſind nicht die bereits erſchienenen Wandtafeln, dieals Vorſchule der vielgeprieſenen Dupuis'ſchen Methode erſchienen ſind, ein Zurückgehen zu der früheren Unterrichtsweiſe im Elementarzeichnen?**) Und wenn zudem dieſe Dupuis'ſche Methode ſo glänzende Ergebniſſe erzielen ſoll, warum wird denn nicht mit dem Zeichnen nach der Natur auch ſogleich in Kunſtſchulen begonnen? Warum ſtudirt man in ihnen erſt Werke guter Meiſter? Klagt doch ſchon Geßner mit Recht in einem Brief an Füßlin, daß er zu früh nach der Natur zeichnen gelernt habe, als ſein Auge noch nicht geübt geweſen ſei, und daß er ſich erſt nach den beſten Kuͤnſtlern hätte bilden müſſen. Wenn aber auf Künſtler, die doch eine beſonders klare Auffaſſungsgabe beſitzen muͤſſen, dieſer Gang keine Anwendung findet, ſo können wir ihm um ſo weniger für die Schulen das Wort reden. Sehr richtig ſagt daher auch der Zeichenlehrer und Maler K. Bräuer in Breslau(1863):Dadurch, daß man von vornherein gleich nach Modellen zeichnen läßt, wird das freie Handzeichnen nur in verkümmerter Weiſe betrieben; denn erſtens entbehrt der Unterricht des planmäßigen Stufengangs, zweitens wird der Einfluß ſeiner erziehen den und geſchmackbildenden Wirkſamkeit ihm entzogen, drittens wird die Richtung auf künſt⸗ leriſches Schauen ſo eingeſchränkt, daß die höhere Bildung der Jugend verfehlt wird.

Nach unſerer Erfahrung hat das Nachzeichnen der Bildform vor dem Abzeichnen nach Modellen und Naturgegenſtänden den für den Anfänger hoch anzuſchlagenden Vorzug, daß es leichter und einfacher iſt. Der Lehrer zeichnet an die Wandtafel, der Schüler ſieht das all mähliche Entſtehen des Bildes bis zu ſeiner Vollendung vor ſich und beobachtet, wie man beim

*) Andreas Leimgrub:Der elementare Zeichenunterricht und deſſen nothwendige Reformen. Nro. 9 der Gewerbehalle von W. Bäumer und J. Schnorr, September 1863. **) Profeſſor Eichens in Berlin hat eine ſolche Vorſchule ſchon 1854, alſo 6 Jahre nach dem Bekannt⸗ werden der Methode, herausgegeben. 1*