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Jacotot's Wort ewig wahr:„Jedermann hat die zum Zeichnen erforderliche Intelligenz, aber nur Wenige wollen ſich die Mühe geben, die Augen aufzuthun.“
Bei dieſer Wichtigkeit des Zeichenunterrichts für den Gewerbsmann wird es nicht unge⸗ eignet erſcheinen, wenn wir in nachfolgenden Blättern verſuchen, aus dem Geſammtgebiet des⸗ ſelben denjenigen Stoff, welcher ſich für die Realſchule, dieſe Bildungsſtätte des künftigen Gewerbetreibenden, eignet, in kurzen Umriſſen zu bezeichnen, die Behandlung desſelben in den verſchiedenen Stufen anzudeuten und dabei eine mehrjährige, aus dem Unterrichte in Gewerb⸗ ſchulen und im Verkehr mit Handwerkern geſammelte Erfahrung zu benutzen, um angehenden Zeichenlehrern einige, vielleicht nicht unwillkommene practiſche Winke zu geben.
Durch den Zeichenunterricht ſollen, wie überall, ſo auch in der Realſchule, zunächſt die in dem Schüler ſchlummernden Zeichenanlagen geweckt und naturgemäß und ſtufen⸗ weiſe herangebildet, dabei aber ſtets die Art und Weiſe, ſowie der Grund der Aus— führung klar vor Augen geführt werden. Die erſte Aufgabe iſt daher die Bildung der Hand und nicht minder die des Auges; denn nur das, was unſer Auge klar und deutlich angeſchaut hat, wird die Hand im Stande ſein, treu wieder zu geben. Eine weitere iſt ſodann die Ver⸗ edlung des Geſchmacks; d. h. der Zeichenunterricht ſoll den Sinn für Schönheit, Harmonie, Ordnung und Reinlichkeit beleben und fördern. Eine dritte wird darin beſtehen, die Ein⸗ bildungskraft ſo zu üben und zu ſtärken, daß ſie in den Stand geſetzt wird, alle die reich— haltigen Schöpfungen der Natur und Kunſt ſich gehörig einzuprägen, deutlich vorzuſtellen und die aufgenommenen ſchönen Formen jederzeit treu wiederzugeben. Wird dieſen Forderungen Genüge geleiſtet, ſo wird die vierte Aufgabe des Zeichenunterrichts in der Realſchule, die mehr practiſcher Bedeutung iſt, leicht zu erreichen ſein, nämlich den Schüler in allen Theilen des wiſſenſchaftlichen Zeichnens ſo zu befähigen, daß er nach dem Austritt aus derſelben und nach getroffener Wahl eines Berufes ohne Weiteres das techniſche Zeichnen in Fachſchulen mit Erfolg beginnen kann.
Es fragt ſich nun, welcher Stoff aus dem Geſammtgebiet des Zeichenunterrichtes der Realſchule zuzuweiſen ſei? Die Beantwortung dieſer Frage wird weſentlich bedingt durch die Altersſtufe der Schüler und die Dauer der Zeit ihres Aufenthaltes in der Anſtalt. Gewöhnlich beſuchen die Knaben vom 10—14. Lebensjahre die Realſchule. Der Stoff darf daher eines⸗ theils nicht zu ſchwer und anderntheils nicht zu ausgedehnt ſein. Da aber der Zweck der Schule, die Vorbildung des Gewerbsmanns, eine ausreichende Grundlage im Zeichnen verlangt, ſo müſſen dem Zeichenunterricht, unſeres Erachtens, mindeſtens wöchentlich 4 Stunden für jeden Jahrgang zugewieſen werden, eine Stundenzahl, die mit Rückſicht auf die Bedeutung deſſen, was erſtrebt wird, gewiß nicht eine zu große genannt werden kann. Der Zeichen⸗ unterricht muß nicht bloß das Freihand⸗, ſondern auch das Linearzeichnen umfaſſen. Beim Unterricht im Freihandzeichnen iſt das Elementar⸗ und Ornamentenzeichnen hauptſächlich zu berückſichtigen, während das Kunſtzeichnen(Blumen-, Landſchafts⸗, Thier⸗ und Figurenzeichnen) aus der Realſchule größtentheils ausgeſchloſſen bleiben muß. Aus dem Gebiet des Linearzeichnens iſt das geometriſche Zeichnen, die darſtellende Geometrie, Per⸗ ſpective(im engern Sinn zum Linearzeichnen gerechnet) und Schattenconſtruction (letztere jedoch mit Beſchränkung) in entſprechendem Maße in den Bereich des Unterrichts zu ziehen.
Betrachten wir alſo in kurzer Ueberſicht den Lehrſtoff ſowohl aus dem Felde des Freihand⸗ als auch des Linearzeichnens, wie er ſich den einzelnen Altersſtufen entſprechend gliedert.


