Aufsatz 
Erklärung deutscher Redensarten / von August Preime
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Würfelſpiel, die in dieſem Spiele geworfenen Augen, den Wurf, die Möglichkeit, einen Fall, beſonders Glücksfall; bonne chance iſt der jetzige übliche Ausdruck im Franzöſiſchen, wo wir Einemviel Glück wünſchen. Das Wort haben wir ſchon im Parzival 150, 80 sölhe schanze wägen. 747, 18 sol nu hie strit ergén, muoz glichiu schanze stèn, das Spiel, der Einſatz gleich ſein. Hadam von Laber, die Jagd, 253, daz leben daz und lige ze schanze, Ferner in Sebaſtian Brandts Narrenſchiff: 24, 22

wer hôhen Dingen stellet nôch,

der muoss die Schanz ouch wôgen höch.

Opitz überſetzt die Stelle Pſalter 22, 19:Sie theilen meine Kleider unter ſich und werfen das Loos um mein Gewand mit den Worten: Sie dürfen um den Rock die Schanze ſchlagen. In einer Predigt äußert Abraham a Sancta Clara Zweifel, ob er im Himmel droben irgend welche heilige Hof⸗Miniſtros und vornehme Hofräthe antreffen werde, weil bei dergleichen gar oft Ratio Status ein Wunderthier iſt dies das Gewiſſen in die Schanz ſchlägt.(Scherer, Vorträge und Aufſätze zur Geſchichte des geiſtigen Lebens in Deutſchland und Oeſterreich. p. 164.)

Daß Schanz auch Spiel bedeutet, zeigt der Ausdruck pubenschanz= Bubenſpiel, ſchandvolles Verfahren gegen Jemand und Mummenſchanz, jetzt durch Maskerade verdrängt. Schanzen heißt demnach ſo viel als Haſard ſpielen, in dieſer Bedeutung iſt es im Hochdeutſchen veraltet; es bedeutet jetzt vielmehr, indem es an das andere WortSchanze ſich anlehnt, eine mühſame Arbeit verrichten, beſonders graben zur Befeſtigung eines Orts. Ob in dem Ausdruckeinem etwas zuſchanzen die Seiteeinen etwas gewinnen laſſen oder die andereſich eifrig für einen bemühen mehr zu erkennen ſei, iſt manchen zweifelhaft; Weigand entſcheidet ſich, und ich glaube mit Recht, für die erſtere Annahme. Auch der im Sinne verwandte Ausdruckeinem etwas in die Hände ſpielen hat noch Bezug auf das Spiel, namentlich Kartenſpiel.

Den Daumen halten

drückt das Zeichen der günſtigen befördernden Theilnahme aus, das man an Jemandes Unternehmung, namentlich beim Spiel nimmt. Da die Römer ähnliche Ausdrücke hatten pollicem premere, den Daumen eindrücken, war ein Zeichen der Gunſt z. B. beim Spielen und bei den Kämpfen der Gladiatoren, pollicem vertere, den Daumen gegen die Bruſt richten, ein Zeichen, daß das Volk einen beſiegten Gladiator umgebracht wiſſen wollte ſo lag es nahe, an eine Verwandtſchaft des deutſchen und lateiniſchen Ausdrucks zu denken. Wander thut dies in ſeinem Sprichwörterlexikoen. Daß die Anſchauungen jedoch nicht in allen Punkten übereinſtimmen, iſt erſichtlich, und ob ſie überhaupt zuſammenhängen, zweifelhaft. Grimm in ſeinem Wörterbuch ſpricht ſich dagegen aus; er führt an, daß die Finger die geſchickteſten, lebhafteſten Glieder, gleichſam belebte Weſen, alpartige Geiſter ſeien, der Daumen aber als der wichtigſte mit übernatürlichen Kräften begabt ſei der Däumling erſcheint in den Märchen als ein Dieb, und wer am linken Daumen einen ſchwarzen Däumling trägt, kann ſich unſichtbar machen ſo liege hier die Vorſtellung zu Grunde, den ſchädlichen Geiſt, den Alp feſthalten, damit er nicht den guten Verlauf hindere. Auch des Diebsdaumens muß hier noch Erwähnung geſchehen; der Aberglaube ſchreibt ihm zauberiſche Kraft zu; es iſt der Daumen eines Gehängten, der dem Beſitzer großes Glück bringen ſoll. Man ſagt daher von einem Menſchen, der ungewöhnliches Glück hat: er trägt einen Diebsdaumen bei ſich. Adelung bemerkt daher unter Daumen: die Redensarteinem den Daumen halten iſt vermuthlich aus dem abergläubiſchen Vertrauen ent⸗ ſtanden, welches die Unwiſſenheit in den Daumen eines Gehenkten ſetzet, dem man eine große Kraft, Glück zu bringen, zuſchreibet. Krie gk in ſeinen deutſchen Culturbildern aus dem 18. Jahrh. ſagt von dem erwähnten Aber⸗ glauben(Cap. 10, p. 122, Aberglauben auf kriminalrechtlicher Grundlage): Es herrſchte nämlich im Volke die Anſicht, daß ein verdorrter Finger von einem am Galgen hängenden Menſchen demjenigen, welcher ihn beſitze, Glück bringe. Man faßte deshalb mitunter einen ſolchen Finger als werthvollen Schatz in Gold und Silber ein. Beſonders herrſchte die Meinung, daß, wenn mit demſelben Pferdefohlen und ihre Krippen beſtrichen würden, die jungen Pferde beſſer gediehen, ſowie daß, wenn man einen ſolchen Finger, oder wie er benannt wurde, einen Diebs⸗ daumen in das Bier während ſeines Gährens werfe oder auf 24 Stunden lang im Faſſe des ausgegohrenen Bieres aufbewahre und dann unter die Schwelle des Bierhauſes lege, jeder, welcher einmal von ſolchem Bier getrunken habe, ſich immer auf's neue zu dieſem hingezogen fühle und, wenn er auch Meilen weit entfernt wohne, zum Genuſſe deſſelben zurückkehre. Zweimal(1707 und 1725) wurden in Frankfurt Bierbrauer in Criminalunterſuchung gezogen, weil ſie in ihrem Gewerbe ſich eines Diebsdaumens bedient hatten, und das eine Mal fand man auch bei einem durchreiſenden Scharfrichter, welcher einen ſolchen verkauft haben ſollte, einen verdorrten Menſchenfinger.