Aufsatz 
Erklärung deutscher Redensarten / von August Preime
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

unbegründet zu ſein, da ja gerade darin liegt, daß einer Glück in Erlangung eines Preiſes hat, und zwar einer, der es nicht oder ſehr wenig verdient hat.

Spuren der Sau als des letzten Gewinnes finden wir auch bei anderen Volksbeluſtigungen. Eine von dieſen, die ſich mit den Freiſchießen verbanden, war der Glückstopf, der in vielfach moderniſirter Geſtalt auch bei heutigen Vogelſchießen und ähnlichen Feſten ſich findet. Von zwei ſolchen Glückstöpfen, die 1540 in Hof und in Franken⸗ hauſen errichtet waren, wiſſen wir, daß der letzte Gewinn des Topfesdie ſcherzhafte Sau war, welche ſich vom Schießplatz aus in das Glücksſpiel eingedrängt hatte.

Die Erwähnung der(mittelalterlichen) Waffenfeſte der deutſchen Bürger veranlaßt mich, auch andere Redens⸗ arten zu erwähnen, die mit jenen zuſammenhängen. Dahin gehört der Ausdruckſtechen. Stechen bezeichnet den Wettkampf einzelner Schützen, welche die gleiche Zahl Ringe geſchoſſen haben; das Wort ſelbſt aber iſt her⸗ genommen aus der Reiter⸗ oder Ritterſprache, da die erſten Spiele der aufblühenden Städte von der kriegeriſchen Stadtjugend ganz in rittermäßiger Weiſe gefeiert wurden.

Sehr raſch verdrängte die Armbruſt die ritterliche Lanze; der Ausdruckſtechen jedoch blieb. Zunächſt heißt das Wort daſſelbe wie turnieren; es wurde ſpäter aber auch auf bürgerliche, zur Luſt angeſtellte Uebungen ange⸗ wendet, daher kommt Geſellenſtechen, Fiſcherſtechen. Von dieſemſtechen, inſofern es ein Gefecht bezeichnet, kommt auch die Bedeutung her:den Sieg über einen anderen davontragen; dieſe hat ſich noch in dem Ausdruckeine Karte ſticht die andere und beim Wirfelſpiel erhalten.

Ferner hängt mit den Waffenfeſten der AusdruckRennen für eine beſtimmte Anzahl von Schüſſen zuſammen. Hier iſt alſo wie beiſtechen das Wort geblieben, hat aber durch die veränderte Art des Kampfes einen anderen Inhalt erhalten. Das was wir jetzt als den Mittelpunkt der Scheibe mitBlock bezeichnen, hieß damalsZweck, daher bezwecken; was wir jetzt am Gewehr dasKorn nennen, hieß dasAbſehn, das ſich nur noch in der bildlichen Bedeutung, ſeinAbſehn auf etwas richten, erhalten hat. Dr. Schild ſagt in einem Aufſatz über moderne Schulerziehung(Zeitſchrift f. d. Gymnaſialweſen, 27. Jahrg., 1873, 2. B.):Wie eifrig und ſyſtematiſch damals die Bürger Leibes⸗ und Waffenübungen betrieben, iſt hier nicht der Ort auszuführen. Man hatte im Mittelalter eigene Ballhäuſer zum Spielen mit dem Balle und Ballmeiſter, von denen jede Spur durch den 30jährigen Krieg verwiſcht iſt, es ſei denn, daß unſere Tanzvergnügungen noch immer mit dem NamenBall bezeichnet werden. Daß jede Spur einer Unterweiſung im Ballſpielen in der hier behaupteten Weiſe verloren gegangen ſei, erſcheint mir doch zweifelhaft; ſo finde ich in einer Lebensbeſchreibung des bekannten Dichters Hölderlin, daß die Univerſität Tübingen(alma mater Eberhardina) zur Zeit, als Hölderlin daſelbſt ſtudirte(1790), Magiſter des Ballſchlagens und Billardſpielens hielt.

Ein ſolches Ballhaus in Caſſel erwähnt auch Schminke, Verſuch einer genauen und umſtändlichen Beſchreibung von Caſſel, 1767, VII. Hauptſtück,§. 16. Er ſagt daſelbſt:Auf der andern Seite der Rennbahn, dem Modell⸗ hauſe gegenüber am Steinwege, ſtehet ein hohes, von Steinen aufgeführtes Gebäude, welches von Hr. Landgraf Moritz erbaut worden. Es war daſſelbe ſonſt zum Ballhauſe gewidmet. Dermalen aber dient es zum Opern⸗ und Comödienhauſe, worinnen wöchentlich zu verſchiedenen Tagen franzöſiſche Comödien und Ballets, auch in Meß⸗ zeiten ſehenswürdige Opern aufgeführt werden. Auch in Marburg ſtand ein von Landgraf Moritz in der Nähe des jetzt wieder geöffneten Kalbsthores erbautes Ballhaus.

Ein Zuſammenhang unſeres Wortes Ball(Tanzvergnügen) und des Spiels mit dem Ball iſt nicht zweifel⸗ haft. In dieſer Bedeutung kennen es nach Grimm die Wörterbücher des 16. Jahrh. noch nicht; es ſcheint erſt im 17. aufgekommen. Stieler(1691) ſagt in dieſer Bedeutungdas Ball, Leonhard Friſch(deutſch⸗lat. Wörter⸗ buch 1741) hat ſchonder Ball. Der Uebergang der einen Bedeutung in die andere vollzog ſich folgendermaßen. Das Ballwerfen, von dem uns ſchon Homer in ſeiner Odyſſee 6, 100 und 8, 372 ein ſo anmuthiges Bild gibt, war auch im Mittelalter ein mit Geſang und Tanz verbundenes Spiel; dies Spiel hieß in römischer zungin bal. Allmählich trat bei dieſem Spiel das Singen und Ballwerfen zurück, es blieb nur das Tanzen, von dem früheren Werfen des Balles aber erhielt ſich der NameBall.

In die Schanze ſchlagen.

Daß dieſe Redensart mit dem Wort Schanze, welches eine Art von Befeſtigung bezeichnet, eine Verwandt⸗ ſchaft habe, ſcheint mir nicht begründet; Adelung nimmt zwar einen ſolchen Zuſammenhang an. Dem Wort liegt das lateiniſche cadentia zu Grunde, das in das Altfranzöſiſche gekommen iſt. Das Verbum heißt cheoir, das Subſt. cheance, und dies iſt zu la chance geworden(cf. Tobler, die fremden Wörter in der deutſchen Sprache in: Oeffentliche Vorträge, gehalten in der Schweiz, Baſel 1872, II. Band, Heft II, S. 16). Es bedeutet eine Art

1*