Aufsatz 
Von dem Hauptgesichtspunkt, den ein Bürger bei der Wahl einer öffentlichen Schule für Knaben festzuhalten hat. Ein Wort des Rektors zur Verständigung zwischen Schule und Eltern
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

dung der Jugend in erſter Linie von den öffentlichen Schulanſtalten zu erreichen geſucht werden muß, noch viel zu wenig die rechte Würdigung erfährt. Von dem Maaß der Werth⸗ ſchätzung einer Sache hängt aber die Stärke des Beſtrebens ab, in ihren Beſitz zu gelangen, und die Stärke dieſes Beſtrebens beſtimmt wieder die Größe der Anſtrengungen und Opfer, welche man dafür darzubringen bereit iſt. Iſt es nun mit der allgemeinen Bildung eine ſo geringfügige Sache? Lohnt es wenig die Mühe, ſie erworben zu haben? Wird ein höherer Grad derſelben am Ende gar hemmend für die praktiſche Tüchtigkeit im bürgerlichen Lebens⸗ beruf? Iſt ſie anderſeits ſo leicht zu erlangen, daß ſie ſich ſpäter im Leben gleichſam von ſelbſt macht? Wir müſſen nach gehöriger Ueberlegung alle dieſe Fragen verneinen. Ueberall, wo allgemeinere Intereſſen zu vertreten ſind, ſeien es Standes⸗ und Berufsintereſſen, ſeien es Anlegenheiten der Gemeinde, ſeien es ſtaatsbürgerliche Verpflichtungen, mögen ſie das Ver⸗ kehrsleben oder geſellſchaftliche Vereinigungen betreffen, überall iſt eine Hauptbedingung er⸗ folgreichen Eingreifens und Wirkens die allgemeine Bildung. Jeder denkende Mann ſucht doch auch noch einen höheren, freieren Standpunkt, um von ihm aus Himmel und Erde, Natur und Menſchenleben, Gegenwart und Vergangenheit ſeiner Betrachtung zu unterwerfen, als derjenige iſt, den ihm die oft engen Räume des Geſchäftslocals gewähren können. Es liegt in der allgemeinen Bildung eine freimachende, die Seele von engherzigen, niederdrückenden Feſſeln entbindende Macht; ſie giebt dem Geiſte jene elaſtiſche Schnellkraft, die ihm bei den peinlichſten und anſtrengendſten Berufsgeſchäften den aufſtrebenden Muth und im Unglück die freiere Umſicht und das herzhafte Selbſtvertrauen erhält. Denn ſie beſteht ja keineswegs, wie man wohl geſagt hat, in der bis zur Virtuoſität ausgebildeten Oberflächlichkeit, über Alles und noch Einiges mehr ſprechen und urtheilen zu können, ohne Etwas davon zu verſtehen; nicht in der eitlen Anmaßung, ſich das Verſchiedenſte zuzutrauen, ohne das Einfachſte zu leiſten; nicht in charak⸗ terloſer Willensſchwäche, die vor jeder energiſchen Thätigkeit zurückſchreckt und ſchwere Auf⸗ gaben umgeht, anſtatt ſie zu löſen; nicht in überflüſſiger Liebhaberei an gewiſſen Kenntniſſen und Künſten. Vielmehr iſt ſie eine ſehr ernſte und nur auf den Grundlagen eines tüchtigen, Kopf und Herz gleichmäßig weckenden Unterrichts erreichbare Sache. Laſſe die Verſtandes⸗ kräfte und die Sinne des Knaben an den verſchiedenen Objecten und Aufgaben ſprachlicher, mathematiſcher, phyſikaliſcher, geſchichtlicher und naturgeſchichtlicher Art bis zu einem über⸗ legten und umſichtigen, präciſen und gewandten Gebrauch geübt werden; laſſe ſeine Mittheilungs⸗ und Darſtellungsgabe des Gelernten, Beobachteten und Gedachten in ſchriftlicher und münd⸗ licher Form bis zur Fähigkeit einer ſprachlich richtigen, geordneten und klaren, einfachen uud ge⸗ fälligen Ausdrucksweiſe desſelben entwickelt werden; laſſe ihn durch ſachkundige und ihres Gegenſtandes wiſſenſchaftlich gewachſene Lehrer in den wohlverſtandenen Beſitz der Grund⸗ erkenntniſſe, Hauptthatſachen und Geſetze der wichtigſten Gebiete menſchlichen Wiſſens geſetzt werden, ſo weit, daß er an die gediegenen Grundlagen ſeiner Schulbildung im ſpäteren Le⸗ ben anknüpfen, aus den dort eingeprägten Principien und Sätzen das Verſtändniß des ihm Vorkommenden herleiten, und wo ihn Pflicht oder Gelegenheit mahnt, den ſoliden, wenn auch einfachen Unterbau ſeines Wiſſens erhöhen und erweitern kann; laſſe ſeinen jugendlichen Sinn empfänglich machen für das Große, Edle, Erhabene und Heilige, was die Geſchichte bewahrt, was die Völker und Menſchen begeiſtert, was Kunſt uud Poeſie verherrlicht hat; laſſe ihn die Fertigkeiten erwerben, die theils Freude und erholende Beſchäftigung, theils vielfachen Nutzen gewähren; halte ihn endlich feſt und ernſt daran, in der Zucht und dem