Aufsatz 
Von dem Hauptgesichtspunkt, den ein Bürger bei der Wahl einer öffentlichen Schule für Knaben festzuhalten hat. Ein Wort des Rektors zur Verständigung zwischen Schule und Eltern
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

Was Wunder, daß ſolche alsdann ſich nicht entwickeln wollen, ſondern bald in verſchloſſene, bald in leichtfertige Theilnahmloſigkeit verſinken, oder in fruchtloſem Bemühen ſich zerquälen. In ungeeignetem Boden oder nur am falſchen Standorte darbt und welkt ja auch die wohl gepflegte Pflanze. Die rechte Wahl der Schule für die Knaben ſei daher der Gegenſtand, den wir einer kurzen Beſprechung unterwerfen wollen. Man fürchte nicht, daß es dabei auf ein Hervorheben und Anpreiſen der höheren Bürgerſchule abgeſehen ſei. Mag auch die Stel⸗ Inng des Schreibenden dieſes Vorurtheil bei Mißtrauenden zu begründen ſcheinen, und wird auch im Nachfolgenden auf die hiefigen Schulverhältniſſe vorzugsweiſe Rückſicht genommen werden: wir ſind ferne davon, Proſelyten zu machen, und werden Niemand zu nahe treten. Grundſätze, die der Sache entnommen ſind, werden nie partheiiſch ſein; daß wir aber ſolche ſchöpfen und darreichen wollen, iſt wenigſtens unſere Abſicht; denn wir hängen dem Glauben an, daß die Natur der Dinge und der Verhältniſſe ſtärker ſei, als die tendenzvolle Meinung eines Menſchen.

Bei der Wahl der Schule für einen Knaben pflegen in dem Bürgerſtande gewöhnlich zwei Beweggründe die Entſcheidung zu geben: zuerſt die Abſchätzung der Koſten, die ſie ver⸗ urſachen wird; dann die Berufsart, für welche man denſelben, wenn auch zunächſt nur im Allgemeinen, zu beſtimmen gedenkt; oft auch wird ohne beſondere eigene Beweggründe der Gewohnheit des Herkömmlichen und dem Vorgang der Familien gleichen Standes Folge ge⸗ leiſtet. Iſt ein ſolches Verfahren zu billigen? Wir köͤnnen uns nicht damit einverſtanden erklären, weil es dem erſten Grundſatz aller Erziehung widerſpricht, nämlich dem: auch in dem Kinde vor allem den werdenden Menſchen zu achten, deſſen unantaſtbares Menſchenrecht es iſt, durch Bildung ſeiner in ihm liegenden Keime und Kräfte ſich zu einer freien, gottgeweihten Perſönlichkeit herauszuarbeiten. Die erſte Frage alſo, welche ſich die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder im Hauſe, wie auch bei der Wahl der Schule für dieſelben vorzulegen haben, iſt vielmehr die: Welche Mittel und Wege ſtehen uns zu Gebote, aus jedem unſerer Kinder möglichſt fromme und ſittliche, kenntnißreiche und geſchickte, kurz möglichſt gründlich und allſeitig nach innen und außen gebildete Menſchen zu machen? Wenn die Eltern in dieſem Sinne ihre Kinder zu betrachten und zu behandeln gelernt haben, werden ſie zunächſt die Gaben und Kräfte derſelben wecken und pflegen; ſie werden ſich ein unpartheiiſches Urtheil zu bilden ſuchen uicht nur über ihren Charakter und ihre Neigungen, ſondern auch über die Tragweite und die Entwicklungs⸗ und Ausbildungsbefähigung ihres Talentes, ſowie über die allmäh⸗ lich, oft erſt ſpät hervortretende Hauptrichtung ihres Strebens. Und ſind ſie nun ſo mit einem möglichſt vollſtändigen Material zur durchdringenden Kenntniß der Perſönlichkeiten ihrer Kinder ausgerüſtet, dann wird die Wahl der rechten Schule und des rechten Bildungs⸗ wegs nicht leicht mehr einem Zweifel unterworfen ſein können. Denn welche allgemeine Re⸗ geln des Verfahrens laſſen ſich in dieſer Beziehung aus dem Grundſatze, daß die ſittliche und geiſtige Individualität des Kindes ſo vollſtändig als möglich ausgeprägt und herausge⸗ bildet werde, herleiten? Leicht möchten ſie gefunden werden. Es iſt nänlich diejenige Schule zu wählen, in welcher die individuelle Natur desſelben die anregendſte, allſeitigſte und angemeſſenſte Einwirkung erfahren kann. Es ſind alſo insbeſondere diejenigen vorzuziehen, welche durch eine mannigfaltigere Gliederung in Klaſſen und Abtheilungen der Ueberfüllung vorbeugen und daher dem Einzelnen nicht nur mehr Zeit, ſondern auch eine gerade für ihn berechnete Thätigkeit zuwenden können. Wir machen die Eltern darauf beſonders aufmerk⸗