Von dem Hauptgeſichtspunkt, den ein Bürger bei der Wahl einer öffentlichen Schule für Knaben feſtzuhalten hat.
Ein Wort des Rectors zur Verſtändigung zwiſchen Schule und Eltern.
Mit dem Schluſſe dieſes Schuljahres hat die hoͤhere Bürgerſchule zum erſtenmal einen Lehreurſus in ſechs ſelbſtſtändigen Klaſſen zurückgelegt; ſeit zwei Jahren iſt auch die Vor⸗ bereitungsſchule in eine nähere Verbindung mit derſelben gebracht worden; der Mangel eines eigenen Schulgebäudes geſtattete freilich bis jetzt noch nicht, dieſe Verbindung auch äußerlich und örtlich zu vollziehen. So hat die höhere Bürgerſchule alſo nach oben den Rahmen aus⸗ gefüllt, der ihre Gliederung umſchließen ſollte, und zugleich die Vorſtufen erhalten, welche ihr nach unten die für ihre volle Selbſtſtändigkeit erwünſchte Erweiterung gegeben haben. Vom ſechſten bis zum fünfzehnten oder ſechszehnten Jahre kann nunmehr ein Knabe alle Stufen der Anſtalt ohne Unterbrechung hinaufſteigen. Wohlan, Vorhalle und Tempel ſind geöffnet, möge eine züchtige und andachtsvolle Jugend ſich ſammeln, um die Weihe der Bildung als den ſchönen Preis ihres ernſten Strebens zu empfangen.
Ich aber ſtehe hier ſtill und lade die Eltern der Kinder ein, mit mir einen Augenblick ſolchen Ueberlegungen zu widmen, die für ſie ſelbſt, wie für die Schüler und die Schule gleich förderlich und wichtig find. Unſere Beſprechung ſoll kurz ſein, damit Niemand ermüde, offen, damit Jeder wiſſe, woran er ſei. Wie aber ein Gärtner in jedem Frühjahr um den Stamm und an den Wurzeln der Bäume die Erde etwas aushebt und auflockert, damit der Einfluß der Feuchtigkeit ſie tränke, und der Zutritt der Luft ſie belebe: ſo iſt es ja wohl auch gut, daß Eltern und Lehrer zur Zeit der Frühlingsprüfung die Grundſätze einander aufſu⸗ chen und gleichſam aufdecken, auf welchen das Gedeihen, das fröhliche Wachſen und Blühen der Erziehung und des Unterrichts in Schule und Haus beruht. Denn Zucht und Lehre der Kinder gerathen ja keineswegs ſo von ſelbſt und ſo ohne ſorgliche Obhut, daß es nicht dafür eines wohl überlegten Planes und vorſichtiger Wahl der Erziehungsmittel bedürfte. Und obgleich die heutigen geſellſchaftlichen Einrichtungen eine Menge Wege zeigen, auf welche man die Kinder zur Sitte und Bildung führen kann, die einen ſteiler, die anderen ebener, jene in vielen Stationen ſich weithin erſtreckend, dieſe einem nahen Ziele zuführend: ſo bereitet doch gerade dieſer Reichthum der Möglichkeiten oft eine Verlegenheit für die rich⸗ tige Wahl der Eltern. Wenn man nun von einem Manne im Leben nicht ſelten ſagen muß: er hat ſeinen Beruf verfehlt, ſo gilt für manche Knaben ein ähnlicher Satz: ſie haben die rechte Schule nicht gefunden, d. h. den ihrer Natur angemeſſenen Bildungsweg nicht betreten.
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