Aufsatz 
Über den Wert der beiden Oberklassen unserer Anstalt für die bürgerliche Berufsvorbildung
Entstehung
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zu können eine traurige Nothwendigkeit allerdings bei darbenden und zahlreichen Familien; wenn die Kinder ſtatt Pfleglinge der Familie zu ſein, Opfer eines bald feiner, bald gröber auftretenden Egoismus der Eltern werden: dann iſt eine falſche und arge Grundrichtung in die Erziehung gekommen; dann wird man in dringender Haſt darauf aus ſein, in kürzeſter Friſt den Knaben in allen denjenigen Dingen eine gewiſſe Abrichtung und Politur ertheilen zu laſſen, welche am meiſten Vortheil verſprechen; dann wird man denſelben auch nicht die Zeit zu einer gehörigen Durchbildung für einen ſelbſtändigen, bürgerlichen Beruf gönnen. Die Schule ſelbſt aber kann auf ſolche Richtung und Anſicht, wo ſie herrſchen ſollten, keine Hoffnung gründen, ſie kann nur ihren ſittlichen Einſpruch dagegen erheben.

Aber wenn nun, wie es ſich gezeigt hat, der weitere Schulbeſuch der Oberklaſſen keinerlei Bedenken unterliegt und keine Nachtheile herbeiführt, ſo wird man doch fragen, ob es ſich denn auch lohne, den Unterricht in dieſen Oberklaſſen mitzunehmen; denn die Abweſenheit des Schadens iſt noch kein Beweis des Nutzens. Hier ſtellen Einige die oben erwähnte Auſicht auf:Der Beſuch der Oberklaſſen würde nur in dem Falle rathſam und vortheilhaft ſein, wenn die höhere Bürgerſchule in eine Fachſchule überginge mit zweifacher Richtung, einmal für die kaufmänniſchen, dann auch für die gewerblichen Berufskreiſe; eine weitere allgemeine Vorbildung ſei von geringem Werthe. Alſo eine Handelsſchule und eine Gewerbeſchule? Wie Großes verlangt man, oder vielmehr wie unklar und unberechtigt iſt das Verlangen, wenn man dabei geringſchätzig auf die allgemeine Schulbildung hinſehen und dieſe Fachſchulen mit dem 14ten Jahre beginnen laſſen kann! Aber im ſtrengen Sinne iſt die Fachſchule dabei auch ſelten gemeint; was man im Sinne hat, iſt die Ausſcheidung deſſen aus dem Unterrichte, was mit zwei Wortenunnützes Wiſſen genannt wird, um dafür viel Unnützeres zu ſetzen, nämlich für den Knaben meiſt unzugängliche und werthloſe Belehrungen über gewerbliche und kaufmänniſche Gegenſtände, die er nach wohlbenutzter Schulzeit weit beſſer, kürzer und natur⸗ gemäßer im Berußsgeſchäfte erlernt.

Fachſchulen für Knaben im bezeichneten Alter ſind und können nur Abrichtanſtalten ſein, die ihren Geiſt abſtumpfen, ſtatt zu entwickeln; ſie ſind nothwendig reſultatlos oder vielmehr ver⸗ derblich; die Früchte, die man aus ihnen erntet, ſind krankhafte Produkte unzeitiger Pflanzung; denn die Fachſchulen überhaupt ſind nur dann von Erfolg, wenn ſie, in größerem Maaßſtabe eingerichtet, in unmittelbarer Verbindung mit den ſpeciellen Geſchäften und Gewerben ſtehen, ſo daß der zu Belehrende ſchon eine erfahrungsmäßige Kenntniß derſelben mitbringt und die empfangenen Belehrungen zugleich in dem Berufe, in welchem er arbeitet, wieder in Anwen dung bringen kann.

Fachſchulen ſind auch nicht das nächſte und dringendſte Bedürfniß unſeres Bürgerſtandes. Im Allgemeinen mangelt weit weniger die nöthige Fachkenntniß und Geſchicklichkeit, ja es gibt wohl ſolche, die darin einen vorzüglichen Ruf erlangt haben, ſondern vielmehr die allgemeinere Bildung. Das macht ſich geltend, wenn es darauf ankommt, die Correſpondenz zu führen, die Geſchäftsbücher anzulegen und in Ordnung zu erhalten; es wird ſichtbar im Verkehr, im geſellſchaftlichen Leben, in der ganzen bürgerlichen Stellung. Stellen wir Anklagen? Gewiß nicht; wir nennen nur die Klagen aufrichtiger Männer, welche laut und im Stillen den Mangel eigener höherer Schulbildung bedauern. Das Bekenntniß eines Mangels iſt keine Erniedrigung, aber die Blindheit gegen das Beſſere iſt ein Verderben. Es iſt nöthig, hat man mit Recht geſagt, daß der heutige Geſchäftsmann zugleich ein gebildeter Mann ſei.