Aufsatz 
Über den Wert der beiden Oberklassen unserer Anstalt für die bürgerliche Berufsvorbildung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

folgen. In induſtriellthätigeren und durch Handel und Verkehr belebteren Theilen Deutſch⸗ lands iſt jener Uebergang natürlich raſcher vollendet worden; dort ſind denn auch neue Bil⸗ dungsſchulen, welche theilweiſe ſogar Ziel und Ausdehnung unſerer höheren Bürgerſchule noch überragen, längſt in blühender und erfolgreicher Wirkſamkeit; dort iſt die täglich ſichtbare, noth⸗ wendige Wechſelbeziehung zwiſchen Befähigung und Leiſtung der mächtig antreibende Sporn für die aufſtrebende Bevölkerung, ſich eine höhere Vorbildung für den praktiſchen Beruf anzu⸗ eignen. In größeren Städten und beſonders in faſt allen Hauptſtädten der deutſchen Lande, in denen, auch abgeſehen von commerciellen und induſtriellen Beweggründen der Bürgerſtand durch ſeine zahlreichere oder für das Land bedeutſamere Gemeinſchaft und durch die daran ſich knüpfenden wichtigen Angelegenheiten der gemeinſamen Wohlfahrt eine höhere Entfaltung ſeiner Kräfte erzeugt, ſind Schulen derſelben Art errichtet worden. Und wollten wir eine Wanderung durch Deutſchland unternehmen, um uns eine Ueberſicht der Anſtalten zu verſchaffen, welche unter den verſchiedenſten Namen, aber nach Umfang und Zweck ihres Lehrplans der unſrigen ähnlich, zur Erweiterung und Pflege der bürgerlichen Jugendbildung ins Leben gerufen worden ſind: ſo würden wir zwar eine große landſchaftliche Verſchiedenheit in der Organiſation derſel⸗ ben und auch eine bemerkenswerthe Abweichung des ganzen inneren Charakters namentlich zwiſchen den norddeutſchen und ſüddeutſchen Real⸗ und höheren Bürgerſchulen wahrnehmen; aber die ſtatiſtiſche Ueberſchau ihrer Frequenz, auch in den oberen Klaſſen, würde doch den Be⸗ weis liefern, daß eine über die gewöhnliche Abſchlußzeit des ſchulpflichtigen Alters in weiteren Oberklaſſen geſuchter Unterricht anderwärts nicht als ein Hinderniß, ſondern als ein Erforderniß tüchtiger Fachbildung für ein Geſchäft angeſehen wird. Wir ſind überzeugt, daß die einſichts⸗ vollen Bürger auch unſerer Stadt je länger, je mehr zu denſelben Anſichten werden hingeführt werden. Denn wenn wir uns nicht täuſchen, ſo geht unſere Reſidenz nicht blos einem äußer⸗ lichen, das Bild des Alten verwiſchenden Umbau und einer das Mittel⸗ und Kleinſtädtiſche mehr abſtreifenden Veränderung ihrer Zuſtände mit ſchnellen Schritten entgegen, ſondern auch die Beziehungen und Thätigkeiten des Erwerbes und Verkehrs, die Beſtrebungen nach einem ehrenhaften und geſicherten zukünftigen Lebensberufe werden einer Umbildung unterliegen, welche von dem heranwachſenden Geſchlechte eine höhere Befähignng erheiſcht.

Doch wir kehren nach dieſer Abſchweifung zurück zu den oben aufgeſtellten Bedenken, welche bis jetzt noch manche Eltern abhalten könnten, ihre Söhne an dem Unterricht der Oberklaſſen der höhern Bürgerſchule theilnehmen zu laſſen. Sollte man auch nicht mit Recht der Stimme ſo durchaus praktiſcher Rathgeber, welche Schule und Leben, wie es ſcheint, mit nüchterner Verſtändigkeit beurtheilen, vertranen dürfen? Dennoch aber können alle jene Anſichten, ſoweit dieſelben auf die höhere Bürgerſchule Anwendung finden ſollen, nur als völlig verfehlt und unbegründet bezeichnet werden. Es liegt dabei zum Theil eine Vermiſchung der verſchiedenen ſtädtiſchen Schulanſtalten zu Grunde. Diejenigen, für welche jene Rath⸗ ſchläge den richtigen Weg zeigen, werden, wie bisher, ſo auch fortan zum großen Theil in der Elementarſchule, zum noch größeren in den neu eingerichteten Mittelſchulen das ausreichende Maaß der Schulvorbildung ſuchen und finden; da verſteht es ſich dann von ſelbſt, daß die Lehrzeit des Geſchäftes mit dem Confirmationsalter ihren Anfang nimmt; die meiſten dieſer Schüler werden in die engeren Kreiſe handwerksmäßiger und einfacher Betriebe und Bedien⸗ ſtungen übergehen und haben dann, wenn ſie ſtrebſam ſind, ſpäter in der Sonntags⸗, Abend⸗ und Gewerbeſchule ihre Fachbildung zu ergänzen und zu erhöhen. Anders verhält es ſich mit