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von manchen Seiten her um unſere unverhohlene Meinung in Betreff der Zweckmäßigkeit eines Beſuches der oberſten Klaſſen angegangen worden ſind, ſondern auch, weil wir, offen geſtanden, ein Herz haben für ſolche unſerer Schüler, welche, jetzt oder zukünftig, wohlgerathen und tüch⸗ tig, mit dem Confirmationsalter an der Stufe der Oberklaſſen und der nahen Vollendung einer beſſeren Berufsvorbildung anlangend, der Befangenheit herkömmlicher Sitte oder einer zufälligen Entſchließung der Angehörigen geopfert und von ausſichtreicheren und höheren Lebenewegen abgeſchnitten werden könnten.—
Die weiſe Entſchließung der Eltern über die angeregten Fragen hängt aber offenbar von dem wohlerwogenen Urtheil über den Werth ab, den die weitere Schulbildung in den oberſten Klaſſen der höheren Bürgerſchule für die bürgerliche Be⸗ rufsvorbildung hat. Die richtige Würdigung dieſes Werthes wird ferner auch unſerer Anſtalt erſt die rechte Stellung und den bildungskräftigen Einfluß innerhalb der ihr zuge⸗ wandten Kreiſe der Bürgerſchaft ſichern. Daß aber dieſer Einfluß auf Geiſtesbildung, auf Sinnesart und Sitte, wenn er möglich iſt, aus Mangel an Verſtändniß und Benutzung der⸗ jenigen Schuleinrichtungen, welche dafür dargeboten und ſo völlig in den Anforderungen der Zeit begründet ſind, nicht verloren gehe, das kann den denkenden Einwohnern unſerer Stadt und ihrem leitenden Vorſtande um ſo weniger gleichgültig ſein, je mehr ſie die geiſtige und materielle Entwickelung unſerer Bevölkerung wünſchen und darauf hinarbeiten müſſen.
So haben alſo die Eltern, die Schule und die Stadtgemeinde ein gleich großes und wenn auch von verſchiedenen Geſichtspunkten ausgehendes, doch wieder auf daſſelbe Ziel gerichtetes Intereſſe an der richtigen Auffaſſuug und Beurtheilung des in Frage ſtehenden Gegenſtandes. Möge es den nachfolgenden Bemerkungen darüber gelingen, durch Ueberzeugung Freunde für die Wahrheit in dieſer Sache und durch die Wahrheit Freunde für die Anſtalt zu gewinnen, um welche es ſich handelt.
Zunächſt nun treten uns bei der Behandlung unſerer Aufgabe eine nicht geringe Anzahl Solcher entgegen, welche deßwegen der Fortführung des Unterrichts durch die beiden Ober⸗ klaſſen nur einen ſehr geringen Werth für die Vorbildung zum bürgerlichen Berufsleben bei⸗ legen, weil ſie behaupten, daß beiweitem die Mehrheit der für eine kaufmänniſche und ge⸗ werbliche Beſchäftigung beſtimmten Schüler an jenem Unterricht ohne die offenbarſten Nach⸗ theile für ihre praktiſche Tüchtigkeit nicht mehr Antheil nehmen könnten. Denn nach den be⸗ ſtehenden Verhältniſſen des bürgerlichen Familien⸗ und Geſchäftslebens müſſe mit dem Confir⸗ mationsalter die Schulbildung des Knaben ein Ende haben. Dieſe ſolle zwar allerdings ihrem Umfange und Inhalte nach erweitert und verbeſſert, namentlich die fremden Sprachen wo mög⸗ lich bis zur Sprech- und Schreibfertigkeit getrieben, kaufmänniſche und gewerbliche Vorkennt⸗ niſſe und Uebungen mehr als bisher in den Unterricht hereingezogen werden— den Abſchluß ſelbſt aber dürfe man nicht in ein höheres Alter hinaufrücken wollen. Denn die Erlernung des Geſchäftes müſſe der Lehrling ſo früh als möglich beginnen, damit er alle dabei erforder⸗ lichen Uebungen und Fertigkeiten bis zur Sicherheit und Gewandtheit ſich aneignen und alle nöthigen Unterweiſungen, Anleitungen und Kenntniſſe bis in das kleinſte Detail empfangen könne. In dieſer Hinſicht ſei es ſogar beſſer, mit einem geringeren Maaße von Schulbildung ſich zu begnügen, als eine ſog. höhere, im Allgemeinen wohl recht löbliche, bei näherer Be⸗ trachtung aber doch ziemlich überflüſſige und unnütze Ausbildung ſeines Sohnes anzuſtreben. Es ſei eine praktiſche Erfahrung, daß gerade ſo weit getriebene Knaben auch durch eine über⸗


